Schalke-Mädchen aus der Kurve von 1981: „Für uns war klar: Dann steigen wir halt wieder auf“

Schalke 04 – Liebe im Revier. Wir kommen wieder! Auf ein weißes Laken haben Fans diesen Satz gepinselt und es am Zaun vor Block 4 aufgehängt. An diesem 13. Juni 1981 ist noch viel Luft in der Nordkurve. Es sind 12.000 Fans da. Eine, die dabei war, erinnert sich. Ob es bald wieder so kommt?

Diese Ausgabe des „Schalker Kreisels“ wird gefeiert, wenn man in dieser Phase – vor dem Abstieg, immer noch mitten im Chaos – von feiern sprechen kann. Ein Grund: das Titelthema. Schalke sieht dem Abstieg ins Auge, und zwar mit Nostalgie, mit Sympathie. Das Titelbild zeigt die Nordkurve kurz vorm ersten Abstieg in die 2. Liga 1981, vor genau 40 Jahren. Ein Bild, auf dem Silvia Daneyko aus Ahlen (bei Twitter @TweetySilvi) sich wiedergefunden hat. Dem Schalkeweb hat sie, eine „damalige Rarität“, ihre Geschichte erzählt.

In N2 bei einem Heimspiel vor Corona: Silvia aus Ahlen unterm Überzieher-Trikot

Seit der Saison 80/81 war ich bei ausnahmslos allen Heimspielen dabei. Ich, das kleine Mädchen aus Ahlen. Für ein Mädchen habe ich wahrlich sehr viel erlebt und ich denke, bis auf ein paar „Hausfriedensbrüche“, die hoffentlich nicht mehr verfolgt werden können, war das alles okay.

Explizit an diesen 13. Juni 1981 kann ich mich noch erinnern, weil diese Saisonabschlüsse damals immer mit Radios begleitet wurden. Viele in der Kurve hatten das kleine Radio im Stadion bei sich.

An dem Tag in dem Moment, als das Foto entstand, haben alle in der Kurve, auch in Block 4 und 5, gesessen. Das war sehr üblich – bevor das Spiel begann bzw. in der Halbzeit, wenn die Fläche noch nicht mit Bier überzogen war. Es ging gegen Köln und es war auch nur noch in der Nordkurve einigermaßen voll. Die letzten Spiele der Saison war man ja froh, wenn da 10.000 im Stadion waren. In der Nordkurve war es aber immer voll… zumindest da, wo wir standen.

Silvia 1981 in Block 4/5 in der Nordkurve des Parkstadions

Wir mussten zwischen den Blöcken 4 und 5 wählen. Aber das war ja egal, man kannte so viele dort, da blieb man irgendwo stecken. Hinter Catweazle, hinteres Drittel Lautsprecher, das war unsere Grundposition.

Wir verloren 1:2 und es sind viele direkt nach dem Spiel abgehauen, wir auch. Später erfuhren wir, dass nach dem Spiel jemand am Parkstadion von einer Brücke gesprungen ist. Davon waren wir aber weit entfernt. Man hatte den Abstieg kommen sehen und er war sehr unwirklich. Für uns war damals klar: Dann steigen wir halt wieder auf.

Ich war 14 Jahre alt und ja, meinem Papa konnte ich das verdanken, dass ich überhaupt fahren durfte. Eigentlich war ich ja ein liebes Mädchen, er konnte sich auf mich verlassen und er hatte selbst als Kind auf dieses Stück Freiheit verzichten müssen, mangels Geld. Ich war ein halber Junge und er kannte die Jungs und Mädels, die mich mitnahmen. Wehe, da hätte mir jemand ein Haar gekrümmt. Papa war Steiger auf der „Zeche Westfalen“ in Ahlen. Er hatte meine Mama in Gelsenkirchen kennengelernt und so nahm das Schicksal seinen Lauf.

Als kleines Mädchen habe ich oft bei Opa und meinen Tanten verbracht, die alle in Gelsenkirchen wohnten, u. a. an der Kurt-Schumacher-Straße.

An der Sparkasse gegenüber der Kirche habe ich Papa stets blau-weiß in die Straßenbahn einsteigen sehen… mein Onkel und mein Paps haben mich natürlich nicht mitgenommen und so stand der Schwur irgendwann: „Wenn ich groß bin, dann fahre ich mit“ – gesagt, getan.

Ausgabe 9/2021 des Schalker Kreisels beschäftigt sich mit dem Abstieg und den Abstiegen früherer Zeit. Was auch sonst?

Ahlen war immer teils auf Schalke, teils auf Dortmund aufgeteilt, vielleicht 45 zu 45 Prozent der richtigen Fußballfans. Die Modefans, die hingen damals an Gladbach, das waren die restlichen 10 Prozent.

Wir kamen aus Richtung A2 Ahlen – Hamm-Uentrop – Abfahrt Buer angekachelt. „Schloß Berge“ wurde geparkt und dann über die A2-Brücke marschiert. Meist waren wir mit zwei Autos da. Falls das mal nicht ging, quetschten wir uns in ein Auto. So kam es vor, dass wir z.B. damals nach Aachen mit sieben Leuten in einem orangen Opel Rekord über eine Kreuzung am Tivoli fuhren, die durch einen Verkehrspolizisten geregelt wurde, da mal wieder die Schalker in großer Zahl einfielen. Dieser besagte Polizist ließ uns vorbeifahren und man sah ihn dreimal uns mit dem Finger abzählend auf der Kreuzung stehen. Als wir nach dem Parken an ihm vorbei liefen, grinste er breit. Wir auch.

Silvia und ihr Sohn, gemeinsam auf Schalke

Karten zu bekommen, gerade auch in der 2. Liga, war eine Katastrophe für uns Schalker. Die Kapazitäten waren einfach für so viele Fans nicht vorhanden und so kam es, dass die Schalker trotzdem los fuhren und wir über Zäune kletterten, Kassenhäuschen umschubsten oder ich als niedliche Blonde meinen Charme spielen lassen musste. „Hey Fritz, gib mal für die Kleine hier noch eine Kinderkarte rüber“, so lief das dann. Mein Taschengeld: ca. 20 Mark. 5 Mark Fahrtgeld, 5 Mark Ticket. Papa gab dann noch 5 Mark für Bratwurst und Cola.

In Bochum glich das Stadion eher dem gegenüberliegenden Knast und so war da nicht viel mit „rüberklettern“. In Oberhausen wurden wir über die Außenmauer gezogen, da man uns schon von Weitem zurief, „es gibt keine Karten mehr – wir helfen euch rüber“. Die Polizei kam, Panik brach aus und ein Getränkestand fiel um… ein Kumpel trat in einen rostigen Nagel auf der Mauer…

Essen war damals schlimm, ich habe aus der Zeit meine Abneigung gegen rechte Gruppen – und das wird sich nie ändern. Skinheads bevölkerten den Eingang… gruselig… so viele sah man damals sonst nur noch in Lüdenscheid Nord, wo SS-Siggi sein Unwesen trieb und die Bräute von denen die eigenen Fans verprügelten.

Leider gab es das bei uns auch, aber nicht so stark – die Gelsenszene war hier schlimm, da hatten wir oft Angst, weil die auch die eigenen Fans am Bierstand oder Mädels auf der Toilette überfielen. Da ist bald kein Mädchen mehr hin gegangen. Und die Jungens erleichterten sich lieber an der Anzeigentafel. Wir hatten Pipi in den Augen und haben das nach Hause mitgenommen.

Bielefeld hatte ein Stadion, welches man mit einem 8er Schrauber auseinander bauen konnte. Die Polizei holte alle aus einem Zug und steckte jeden in den Knast, der sich nicht dünne machen konnte. So saßen von uns viele (wir Mädels nicht) in der „Grünen Minna“ oder im Bahnhofsknast, nur weil irgend jemand rief „Zack, zack, zack wir machen heut das Stadion platt!“

Ich glaube, viele von diesen Dingen sind heute grenzwertig, aber die Zeit war eine andere. Im „richtigen Knast“ saßen wirklich nur die, die richtig gewalttätig waren. Da war keiner von uns dabei. Die Gelsenszene hat uns in Ruhe gelassen, weil der Erich mich gern mochte… der war harmlos und halt eher immer blau… aber er hat mich jedes Mal gesucht zum „Knuddeln“ und dann war er wieder weg… Er ist schon verstorben, habe ich erfahren….

Heute fahre ich mit meinem Sohn. Immer noch in die Nordkurve. Jetzt allerdings nickt mehr aus Ahlen, sondern aus Hattingen. Wir stehen unterm Überzieher-Trikot, wenn wir dem Anstoß entgegenfiebern. Wir sind immer noch voller Feuer, voller Leidenschaft. Der Unterschied von einst zu heute: Heute haben wir selbst immer die Kamera dabei. Wo sollte man die früher lassen? Darum ist das Titelbild auf dem Kreisel eines der wenigen aus dieser Zeit, auf denen ich zu sehen bin. Auch, wenn man mich etwas suchen muss…

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