Der Abstieg ist kein Untergang – er ist bloß die Erfüllung einer Theorie

Schalke 04 steigt wieder in die 2. Liga ab. Nach 33 Jahren, in denen es fast nur bergauf ging, in die alles fiel, was erreichbar ist – bis auf eine Deutsche Meisterschaft. Der Abstieg ist aber kein Untergang, finde ich. Er bestätigt bloß meine Theorie.

Dieser Beitrag erschient zuerst auf www.RuhrNachrichten.de

Steh’n wir zusammen in der Kurve, dann wird auch Schalke nie untergeh’n. Jeder Schalker kennt diese Zeile aus einem Lied, das nie besser zum Club passte als heute: „Zeig mir den Platz in der Kurve“ heißt es und ist ein Cover des Songs „Zeig mir den Platz an der Sonne“ von Udo Jürgens (1971). Es ist melancholisch, sanft, ruhig – es ist in diesen Tagen besonders eindrucksvoll, was Gerd Recat in den 70er-Jahren darauf umtextete.

Schalke 04 ist abgestiegen. Zum vierten Mal nach 1981, 1983 und 1988. Die letzten vier Spiele dieser Saison sind nur noch für die Statistik. Sportlich haben sie keinen Wert mehr. Von 30 Spielen hat Schalke zwei gewonnen. Selten zuvor war ein Abstieg verdienter als der.

Aber er ist kein Untergang. Er ist bloß die Erfüllung einer Theorie, die ich schon seit langem habe: Schalke 04 ist anders als die anderen Clubs dieser Welt. Es gibt hier im Revier eine engere Bindung der Fans an diesen Verein als anderswo. Sie ist ein Mythos, viele haben schon oft von einer Art Religion gesprochen, die Fans mit den Königsblauen enger zusammenhält als in anderen Clubs.

Dieses Band ist gebrochen. Seit einem Jahr inzwischen. Durch etwas, das man nicht kannte: durch die Corona-Pandemie, die unser ganzes Leben seit einem Jahr ziemlich auf den Kopf stellt. Seither sind die Stadien leer. Geisterspiele sind der Standard, die der Faszination des Profifußballs das Wasser bei vielen Fans abgegraben haben. Es ist etwas anderes, Fußball in einem leeren Stadion am Fernsehen zu verfolgen als in einer Kurve zu stehen oder unter 60.000 Menschen zu sitzen, die ihrer Leidenschaft Ausdruck verleihen, ob mit Meckern, Fluchen, Jubeln oder Singen. 

Kein Club hat so stark unter Corona gelitten wie Schalke 04. Das gilt nicht nur in finanzieller Hinsicht, der Erfolg der vergangenen Jahrzehnte war schließlich nicht immer nur auf Beton oder gar auf Pfählen gebaut, sondern teilweise auch auf Sand. Das gilt vor allem mit Blick auf das, was diesen Club, einen der größten Sportvereine der Welt, wirklich ausmacht: die Liebe seiner Anhänger.  

Es ist wie eine Gitarre ohne Resonanzkörper, wie eine Suppe ohne Salz, Gemüse und Fleisch. Corona hat dem Club nicht nur die finanzielle Existenzgrundlage geraubt, sondern auch das Herz herausgerissen.

Wir sind inzwischen fest davon überzeugt, dass trotz Corona unser Leben bald wieder lebenswerter wird. Wir glauben fest daran, dass es wieder Fußball in gefüllten Stadien geben kann. Man kann sicher sein, dass die Arena auf Schalke auch in der 2. Liga voll sein wird, wenn es die Pandemie-Bestimmungen zulassen. Darum ist dieser Untergang kein Ende. Er vertieft nur die eine Theorie, die man schon immer spürte, wenn man sich mit diesem Verein beschäftigte: Schalke ist mehr als elf Spieler und ein Ball. Schalke ist das große Ganze, eine Gemeinschaft, die sich auch oft leidenschaftlich streitet, aber eingeschworen ist wie sonst kaum eine andere Fußball-Familie.

„In meinem Herzen flattert leise ein blau und weißes Fähnelein. Und geh’n die Schalker auf die Reise wünsch ich mir nur, dabei zu sein“, so beginnt das Lied von Gerd Recat. In der zweiten Strophe heißt es: „Es kamen Stunden, graue Tage. Das Königsblau war leicht verblasst. Und manche leise, bange Frage, ob man den Anschluss nicht verpasst. Manch böser Tag zog schon ins Land, doch wir steh’n immer Hand in Hand.“

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