Schalker Identitätskrise: Die Abkehr von der Knappenschmiede

Mein Schalkefreund Andreas vertritt eine interessante These: Der FC Schalke 04 steckt tief in der sportlichen, aber vor allem in einer Identitätskrise, weil die sportliche Leitung in den vergangenen Jahren einen ganz speziellen, einen Schalke-Weg verlassen hat. Einen Weg, der uns nicht nur Erfolge, sondern auch viel Geld und Anerkennung verschafft hat. Das untermauert er mit einer Statistik, die Bände spricht.

Ein Gast-Beitrag von Andreas Schulz

Seit einiger Zeit merke ich immer mehr, dass mir die Lust auf Schalke abhanden gekommen ist. Ich kenne nicht mehr die genauen Ansetzungen und muss nachschauen, wer der nächste Gegner ist. Das war vor Corona anders: Wochen im Voraus betrachtete ich den Spielplan, studierte unsere Gegner und vergab virtuell Punkte. Eigentlich rechnete ich die gesamte Saison durch. Und immer standen wir ganz vorne – oder so ähnlich 😊

2020 ist das ganz anders. Ich habe die Atmosphäre, das Ganze drumherum, das Treffen mit Freunden, das Fachsimpeln, einfach das Stadionding vermisst. Je mehr Geister gespielt wurden, umso weniger aber interessierte mich der ganze Fußball-Profi(t)sport. Coronafrust?

Nein! Es gibt neben dem Schalker Umgang mit der Krise (Ticketverzicht, Entlassung von Fahrern, Ausgliederungsvorbereitung…) einen weiteren Punkt: Wir sind seit ein paar Jahren ein beliebiger Club mit einer beliebigen Mannschaft geworden. Austauschbar, ohne das besondere Etwas. Die Tradition ist nur noch ein Claim, ein Marketingaspekt. Ich habe Angst, dass sich Schalke immer weiter davon entfernt, für mich etwas Besonderes zu sein.

Ich habe dann nachgedacht, was genau es ist, das fehlt. Das anders ist als vorher. So schaute ich mich mal bei transfermarkt.de um. Denn ich hatte eine Idee, eine Ahnung. Es kostete mich einiges an Mühe, aber ich habe nachgeschaut, wie viele Spieler im Kader einer Saison standen, die einen Bezug zur Knappenschmiede (U17, U19, U23) hatten. Denn das ist für mich ein Kernmerkmal für mein Schalke.

Entwachsen aus der Knappenschmiede, über zehn Jahre (2006 bis 18) Leistungsträger, Weltmeister, Sympathieträger bis heute: Benedikt Höwedes. Er verkörpert die Knappenschmiede-Tradition wie kein zweiter.

Ich wurde einst Schalke-Fan, weil in der ZDF-Sportreportage berichtet wurde, wie viele ehemalige Jugendspieler es geschafft haben, bei den Profis mitzuspielen. Nicht wegen irgendwelcher Erfolge oder Titel – nein, es begeisterte mich als damaligen Schüler-Spieler (heute U15) extrem, dass die B- und A-Jugend erfolgreich um deutsche Junioren-Meisterschaften mitspielte und dass viele A-Jugendliche bei den Profis eine Chance bekamen.

Nun habe ich mir daraufhin mal die letzten 15 Jahre angesehen. Ergebnis: Es gab in dieser Phase einige Spielzeiten, da waren sieben, acht oder gar neun ehemalige Spieler aus der Knappenschmiede in der Startelf – Holla die Waldfee! Und im Kader waren es teilweise 15 und mehr geschmiedete Kicker – was für eine großartige Sache! Aber betrachte ich die letzten Jahre, dann wird klar, warum ich immer weniger mit Schalke anzufangen weiß.

In den letzten vier Spielzeiten wurden es immer weniger Spieler mit Bezug zur Knappenschmiede. Seit 2005 an waren meist deutlich mehr als zehn Spieler im Kader. In der Manager-Zeit von Horst Heldt waren es sogar mehr als 15 und in der Spitze einmal 18 Spieler aus der Schmiede.

Seit dem „Heilsbringer“ Heidel sind diese Zahlen nicht annährend erreicht worden. In seiner ersten Saison waren es noch 15, doch dann folgten Jahre mit 6, 10, 10 und 9 Profis aus der eigenen Jugend. Für die letzten beiden Spielzeiten ist der neue Chef im Ring, Herr Schneider, verantwortlich.

Leider sind nicht nur die Zahlen von geschmiedeten Spielern im Kader stark rückläufig. Auch die Zahl derer, die in der Startelf auftauchen, ist heute quasi bei null angelangt. Klar kann nicht jedes Jahr die Qualität von Draxler, Özil, Höwedes oder Neuer erreicht werden, aber die Spieler haben bei uns stets in sehr jungen Jahren schon ihre Chance erhalten. So konnten sie sich neben erfahrenen Spielern entwickeln. So wurden sie zum Teil zu Weltmeistern. Leider die meisten von ihnen allerdings nicht mehr als aktive Schalke-Profis.

Ich freue mich über jeden Profi, der aus dem eigenen Nachwuchs kommt und die Chance erhält, sich auf Schalke zu zeigen. Der bereit ist, seine Farben der Jugend auch als junger erwachsener Fußballer mit Stolz zu tragen und für unseren, für seinen Verein, der, bei dem er selbst groß heraus kam, einzustehen. Die Spielzeiten mit vielen geschmiedeten Profis haben auch bei den Fans zu einer starken Identifikation geführt.

Autor dieses Beitrags, Datensammler, Kenner und Freund des Juniorenfußballs: Andreas Schulz

Ich befürchte, dass unsere Zukunft als Verein mit immer mehr beliebig austauschbaren Profis, die keinen Bezug zur Region, Stadt oder zum Verein haben, eine traditionslose Zukunft wird.

Ich wünsche mir sehr, dass die Entscheider darüber genauso intensiv über dieses Faktum nachdenken wie über eine mögliche Ausgliederung der Profi-Abteilung oder andere wirtschaftlich wichtige Themen. Ohne Moos nix los, klar. Aber ohne Identifikation der Fans mit der Mannschaft nützt auch das ganze Moos nix. Und wenn erst die Entscheider wenig Bezug zu Schalke und seinen Werten und seiner Tradition haben, dann ist es noch dramatischer. Ich sage: Dann fürchte ich mich sehr!

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