Haupttribüne Block I, Parkstadion. Gerade ist der Meister zum "Meister der Herzen" geworden. Trauer. Leere. Aber ein unvergleichlicher Moment der Anfangszeit unserer goldenen Jahre.

Brief an einen Schalkefreund: 20 goldene Jahre

„Ich denke darüber nach, meine Dauerkarte abzugeben.“
Das schrieb mir heute Andreas, ein sehr guter Schalkefreund, bei What’sApp.
Ich antwortete: „Buh! Tu es nicht!“
„Die ganze Schalke-Scheiße geht mir so auf den Sack! Corona hat gezeigt, dass ich mit den Geisterspielen und dem Drumherum nix anfangen kann. Mir fehlen nur die Leute, nicht die Spiele!“, schrieb er.

„Wer aus dieser Mannschaft“, meinte er, „hat denn was mit Schalke am Hut außer Fährmann und den Youngstern? Wir sind wie Mainz oder Augsburg!“
Ich antwortete: „Mir geht das alles gar nicht soooo sehr aufn Sack. Mir geht das sogar etwas am Poppes vorbei.“

Aus diesem spontanen Chat wurde etwas, das ich „mir aus der Seele schreiben“ nennen würde. Ich schrieb ihm meine Sicht auf Schalke 04 im Jahre 2020. Ich glaube, sie könnte auch andere Schalker interessieren. Darum veröffentliche ich sie hier.

Für mich ist Schalke mehr als das, was es vielleicht für viele ist: Für mich ist es Fußballkultur, Lebenseinstellung… Ich lass mir von einem 0:3 schon länger nicht mehr die Laune verderben. Mein Schalke kann verlieren oder gewinnen, kann 3. Liga oder Champions League spielen.

Wir sind im Kern(!) überhaupt nicht wie Mainz und Augsburg. Das weißt du auch, du hast Schalke durchschaut. Klar gibt es viele Leute und auch Züge in unserem Verein, die was von dieser Oberflächlichkeit haben. Seit es die Arena gibt… diese Event-Leute. Aber das ist nicht der Kern.

Ich würde gern seit Monaten schon einen Text schreiben über die „20 goldenen Schalke-Jahre“ in meinem Leben und das anstehende Ende dieser Ära. Und warum ich darum gar nicht traurig bin.

Wir waren 1991 so weit vom europäischen Geschäft entfernt wie Syke von der Allianz-Arena. 1996 waren wir urplötzlich mittendrin und sind es 20 Jahre lang geblieben. Wir waren sogar Sieger eines europäischen Wettbewerbs. Wir waren dreimal Vizemeister. Wir waren dreimal Pokalsieger. Es war die goldene Zeit. Wir haben in Mailand, Madrid und gegen Gomel gespielt, geglänzt, zum Teil verdient gewonnen. Wir haben in einer Saison die Bayern und Borussia Dortmund vollkommen verdient in deren eigenem Stadion an die Wand gespielt (0:3, 0:4). Wir haben Reisen erlebt, du sogar noch mehr als ich, die unvergessen sind.

Ich war jung, hatte Geld, Zeit, war ungebunden, konnte für 5 Euro inklusive frei saufen und Karte mit Emspower Rheine an einem Samstag im Bus nach Cottbus fahren und dort ein peinliches 0:2 erleben… Ich konnte nach Basel, London, Madrid, Manchester fliegen, hatte Geld und Zeit dafür, war in den 20 Jahren bei 85 Prozent unserer Heimspiele im Stadion. Ich wohne heute 20 Minuten von der Arena entfernt. Ich hatte eine goldene Zeit.

Ich finde etwas „sonderbar“, dass diese Zeit genau die Zeit ist, in der Clemens Tönnies unser Aufsichtsrats-Chef war. Wie hängen diese goldenen Zeiten bei mir und bei Schalke 04 damit genau zusammen? Waren sie trotz Tönnies oder wegen Tönnies? Ich mag an Variante 2 aus Prinzip nicht so richtig glauben, weil ich den Menschen Tönnies und die Art, ein Macht-Universum um sich herum aufzubauen, nicht mag. Aber der Gedanke ist irgendwie doch da. Na klar, diese Erfolge beruhten auf Assauers Entscheidungen (die „Vision Arena“, die Idee Huub Stevens (war das Glück oder Ahnung?) sind dabei sicher die beiden zentralen). Aber „verwaltet“ hat die 20 Jahre an der Spitze letztendlich überwiegend CT.

Er kann jetzt fein sagen: Nach mir ging es steil bergab. Nein, wir wissen: Das begann mit ihm. Aber so ganz einfach kann man das nicht wegargumentieren, diese Gleichzeitigkeit.

Egal. Eigentlich ein anderes Thema. Heute habe ich zwei Kinder und eine Frau, die mir wichtiger sind als jedes Wochenende mit Bussen durch Deutschland zu fahren. Das würde ich heute alles nicht mehr in dieser Tiefe mitmachen. Dieses Coronavirus blendet diese Frage aber ohnehin ja gerade aus. Aber fest steht: Ich bleibe treu. Ich bleibe Mitglied. Ich gehe mit Schalke 04 jeden Weg. Ich bleibe ein stolzer Anhänger eines geschädigten, eines besonderen Clubs.

Allerdings bleibe ich auch kritisch. Wohl weiterhin eher im Hintergrund, die Leute bewundernd, die etwas „Gutes“ „dagegen“ tun. Die Kornelias, die Pepos, die Wielands, die Bartas, die Schalke-Unsers dieser Welt.

So endete meine Nachrichten-Salve bei What’sApp. Andreas antwortete: „Schön geschrieben. Vieles so wahr. Vieles so weit weg.“

Er hatte Vorschläge. Ich finde sie gut. Andreas meinte:
Ich glaube, wir können uns nur durch Veränderung in der Ausrichtung verbessern.
Ausbildungsverein mit guter Knappenschmiede. Regionale Verbundenheit und blau-weiße Genetik.
Ausgliederung mit Jobst und Schneider ist mit mir nicht zu machen und für mich auch keine Lösung.
Einbindung von schalkeaffinen Experten und weg vom Griff zu den Sternen.

Ich hoffe, er behält seine Dauerkarte.

Ein Gedanke zu “Brief an einen Schalkefreund: 20 goldene Jahre

  1. Tobias, ich kann Deine Gedanken gut nachvollziehen, und ich Weiss heute schon, ich bleibe Schalker – ein Leben lang, und das seit 1966. Schalker wurde ich, als wir hoffnungslos abgeschlagen durch dieBundesliga taumelten. Es folgten gute Jahre, dann der Bundesliga Skandal, 80er Jahre mit Spielen in Münster, Osnabrück, Meppen. UNVERGESSEN Das Jahr mit dem UEFA-CUP Sieg, das letzte Spiel im Parkstadion, Meister der Herzen, später Raul, Messi, Ronaldo in der Arena. Geweint, gelacht, gefeiert und mitgefiebert. Es konnte ein Buch werden. Aber am wichtigsten die Menschen, Söhne, Enkel, Neffen, die Schalker wurden, Freunde und Fremde, denen ich um den Hals gefallen bin, als man es vor Corona noch durfte. Ob ich das noch einmal erlebe? Aber Schalker bleibe ich, das können mir weder Funktionäre noch Spuelerlegionaere nehmen. Ein Leben lang

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