Und Ralf Fährmann weinte ein wenig

21 Jan

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Dieser Sonntagbend, 20. Januar 2019, könnte für Ralf Fährmann, Bundesliga-Torwart, ein einschneidender Abend gewesen sein. So einschneidend vielleicht wie der 2. Spieltag im Jahr 2006 für Frank Rost, Bundesliga-Torwart, der damals mit gerade 32 Jahren dem jungen Manuel Neuer den Vortritt beim Spiel gegen Alemannia Aachen lassen musste. Mit einem Unterschied: Ralf Fährmann, 30 Jahre jung, Mannschaftskapitän, weinte nach dem Spiel beim Gang in die Nordkurve ein wenig. Das wäre Frank Rost so wahrscheinlich nicht passiert.

Die Geschichte begann mit einer Verletzung von Ralf Fährmann in der Hinserie. Am 20. Oktober zog er sich eine Leistenverletzung zu und fiel dann mehrere Wochen aus. Klar, dass dann die Nummer 2 zum Einsatz kommt. Die Nummer 2, die wie damals Manuel Neuer Stammtorhüter der U 21 –Nationalmannschaft ist: Alexander Nübel, 22 Jahre alt und eines der hoffnungsvollsten Torwart-Talente in Deutschland. Nübel vertrat Ralf Fährmann ansprechend, in den ersten Partien sogar erstaunlich selbstbewusst. Eine erneute Parallele zu Manuel Neuer, der bei seinem ersten Einsatz gegen Alemannia Aachen sogar erst 20 Jahre alt war. Bei Nübels erstem Auftritt daheim gegen Werder Bremen verlor Schalke 0:2. Er zeigte aber eine solide Leistung. Gleiches galt für das 0:0 in Leipzig und das 3:1 daheim gegen Hannover 96. Der „Kicker“ benotete seine Leistung in diesen drei Partien mit 3,5 beziehungsweise 3,0. Zudem bestritt Alex Nübel die beiden Champions-League-Partien gegen Galatasaray Istanbul und zeigte vor allem im Hexenkessel der türkischen Metropole beim 0:0, wie abgebrüht ein junger Mann ohne große Profi-Erfahrung schon sein kann. Das beste Spiel auf Schalke machte er allerdings im DFB-Pokal: Zwar hatte er selbst keinen großen Einfluss darauf, dass Schalke das Elfmeterschießen mit 6:5 gewann, aber in den 120 Minuten davor zeigte er eine sehr starke Leistung.

Sehr starke Leistungen: Genau die zeigte Ralf Fährmann, der nach seiner Verletzung im November zurückkehrte, nicht mehr. In den letzten drei Spielen vor Weihnachten gegen Augsburg, Leverkusen und Stuttgart reichte es beim „Kicker“ nur zu Noten von 4,5 und 5,0. So schlecht, so unsicher, mit so vielen kapitalen Fehlern in mehreren Spielen in Serie hatte man Ralf Fährmann seit Jahren nicht gesehen. Man kannte sie eigentlich gar nicht von unserem Captain.

So entschied in der Winterpause der Trainer zusammen mit dem Torwart-Trainer, Fährmann und Nübel vorerst zu tauschen. Dazu beriet er sich mit Manager Christian Heidel, sogar Huub Stevens soll er eingeweiht und um eine Einschätzung gebeten haben. Eine Entscheidung, deren Tragweite groß ist – so soll sich auch Tedesco gefühlt haben, der ungewöhnlich viel über sein Seelenleben in den vergangenen Tagen verriet. Denn Ralf Fährmann ist eine Identifikationsfigur für die Fans. Der Mann, der in Recklinghausen wohnt, verkörpert die alte Arbeitermentalität des Traditionsclubs wie kaum ein zweiter. Er kommt zwar nicht gebürtig aus dem Ruhrgebiet, verkörpert aber diese Bergmannstradition, wie man es sich für einen Mannschaftskapitän auf Schalke nur wünschen kann. Wissen, wo Schalke herkommt und wie die Fans fühlen: Das ist entscheidend für viele Schalker.

Jetzt verfolgte Ralf Fährmann das auch psychologisch so wichtige 2:1 gegen Wolfsburg von der Bank aus. Es soll zumindest ein intensives Gespräch gegeben haben zwischen ihm und dem Trainer, in dem Fährmann Tedesco vermittelt haben soll, dass er sich ganz in den Dienst der Mannschaft stellt und diese Entscheidung akzeptiert. Nichts anderes hätte man von dem Torwart erwartet. Aber wie schwer dieser Sonntagabend für Ralf Fährmann war, konnte man sehen, als es nach dem Schlusspfiff für alle Spieler in den Kreis und anschließend in die Nordkurve ging. Fährmann, der schon mal auf dem Podest der Ultras gestanden hat, war dabei und wurde nach der La Ola von der Kurve namentlich gefeiert. Als die Mannschaft die Kurve verließ und Richtung Gegengerade aufbrach, sah man, wie Co-Kapitän Benjamin Stambouli Ralf Fährmann in den Arm nahm, weil der offensichtlich – und wie die Kameras in Großaufnahme einfingen – mit Tränen zu kämpfen hatte.

Ist das schon der Generationswechsel im Schalker Tor? Ist Alex Nübel fortan die alleinige und klare Nummer 1 in unserem Kasten? Meine These ist: Nein, noch nicht ganz. Nicht nur, weil der Trainer Domenico Tedesco das so kommuniziert hat. Ich vermute, dass wir bis Saisonende in den drei Wettbewerben, in denen Schalke noch vertreten ist, sowohl Nübel als auch Fährmann sehen werden. Die Entscheidung von Tedesco, Nübel nun zunächst den Vorzug zu geben, hängt mit den Leistungen der beiden Torhüter zum Ende der Hinserie zusammen, aber vermutlich auch mit Psychologie: Der Trainer beginnt damit, die Nachfolge von Ralf Fährmann zu regeln und Alexander Nübel zu zeigen: Bleib auf Schalke, du bist unsere künftige Nummer 1. Das kommt nicht von ungefähr: Nübel sagte im Winter in einem Interview, dass er durchaus mit dem Gedanken spiele, den Verein zu wechseln, wenn er auf Schalke nicht spielen kann. Für einen Torhüter in seinem Alter ist es unabdingbar, regelmäßig im Tor zu stehen, wenn er Karriere machen möchte – keine Frage. Darum ist es auch keine Überraschung, dass er diese Ansprüche nun anmeldet. Ihn jetzt noch länger als Nummer 2 hinzuhalten, hätte gleichzeitig wohl bedeutet, dass wir im Sommer eine neue Nummer 2 gebraucht hätten. Dabei können wir uns eigentlich keinen besseren Torhüter wünschen, als Alex es zu sein oder zumindest zu werden verspricht.

Tedesco handelt mit einem gewissen Risiko, aber aus der jetzigen Perspektive und den geschilderten Argumenten heraus vollkommen richtig. Für Ralf Fährmann tut es einem aufrichtig leid, aber auf Alexander Nübel können wir uns freuen. Das bewies er gegen Wolfsburg gleich mit zwei herausragenden Reflexen und seiner Fähigkeit, das Spiel von hinten heraus schnell zu machen, Konter einzuleiten. Eine Fähigkeit, die Manuel Neuer als erster Torhüter der Welt auf diesem Niveau zeigte, nachdem er den etablierten Frank Rost, wie Fährmann ein Meinungsführer in der Mannschaft, abgelöst hatte. Eine Fähigkeit, die Ralf Fährmann nicht besitzt.

Nun kommt es aufs Spielglück für Nübel, aber auch auf den wahren Charakter von Ralf Fährmann an. Eigentlich ist ihm und uns zu wünschen, dass er ein oder zwei Jahre lang an der Seite von Alex Nübel bleibt und ihn auf seinem Weg in die Profispitze mit seiner ganzen Erfahrung unterstützt. Dann sollte er sich einen neuen Verein suchen, in dem er im Herbst seiner Karriere noch einmal die Nummer 1 werden kann. Und danach sollte man ihm die Tür auf Schalke ganz weit öffnen, damit er im Verein an entscheidender Stelle mitarbeitet. Anders als Frank Rost. Vielleicht ja als Torwarttrainer.

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