Lieber Domenico, …

22 Dez

… ich bin sehr erleichtert ob der drei Punkte, die du mit deiner Mannschaft in Stuttgart geholt hast. Ich kann mir vorstellen, dass ihr alle so mit einem doch nicht ganz so miesen Gefühl in die Winterpause geht und wir alle vielleicht davon Ende Januar profitieren, weil es etwas befreiter und beschwingender aufs Feld zurück geht. Und doch möchte ich dir ein paar Dinge mit auf den Weg geben.

Du bist jetzt anderthalb Jahre auf Schalke und hast glaube ich nun einmal so ziemlich alle Gesichter dieses Clubs und seines Umfelds kennengelernt. Du hast unsere Herzen mit deiner Freundlichkeit und deinem Charme, deinem jugendlichen Eifer und deiner offensichtlichen Fachkompetenz in Sachen Fußball schnell erobert. Du grüßtest in der Öffentlichkeit stets mit einem „Glückauf“ (gute Auer Schule…), du sprachst verbindlich im Ton, ruhig in der Stimme, gewählt in den Worten.

Dann kam der erste kleine Eklat mit Benedikt Höwedes, bei dem du die feiste Art der Presse kennenlerntest: „Reisende soll man nicht aufhalten“ habe der Herr Tedesco gesagt, hieß es, und man ließ mindestens durchscheinen, dass das ehrabschneidend gewesen sei. Nimmt man diesen Satz so isoliert, dann mag das so sein – der Zusammenhang, in dem du das gesagt hattest, spielte aber schnell keine Rolle mehr. Lehre.

Dann kam das Derby. 0:4 zur Pause zurückzuliegen, in einem Revierderby, ist eine Katastrophe. Ich weiß noch, dass der Gästeblock sich nach 35 Spielminuten rapide leerte auf der Nordtribüne des Signal-Iduna-Parks. Dass kaum noch jemand daran glaubte, dass das Spiel noch kippen könnte. Wie auch? Du hast genial reagiert: „Wir gehen da raus, als wenn es 0:0 stehen würde, und gewinnen die zweite Halbzeit.“ So wurde es nachher zitiert. Ein einfaches Prinzip – einfach clever. Dass es zum 4:4 führen würde, war damit nicht garantiert. Aber du hast es möglich gemacht.

Und dann kam die Vizemeisterschaft, so irgendwie. Wie, weiß keiner so genau. Eine felsenfeste Abwehr, ein genialer Kopf der Hintermannschaft mit Torgefahr, kaum Verletzungen, ein Lauf, es ging fast jede Grenzentscheidung zu unseren Gunsten aus. Und die knappen Spiele haben wir gewonnen statt wie sonst so oft mit Pech verloren. Du trugst dazu bei, indem du einen Charakter-Spieler wie Max Meyer umschultest zu jemandem, für den ihn niemals jemand gehalten hatte; du machtest einen Daniel Caliguiri so stark, so effektiv, wie ihn niemals jemand erwartet hätte. Du hattest Erfolg, ohne dabei die Mannschaft glänzen zu lassen.

Und dann?

Dann kam die neue Saison und alles wurde anders. Mit fünf Niederlagen zu starten – diese Hypothek kannten wir schon aus der Weinzierl-Saison. Du musst jetzt erst lernen, was das konkret bedeutet. Vor allem aber lernst du gerade, wie schnell das in der 1. Liga, insbesondere aber auf Schalke geht mit der Diskussion über den Trainer. Es braucht ein paar miese Wochen, schon rufen die ersten nach der Entlassung. Und diese kleinen Feuerchen entfachen mit jeder Niederlage weitere Flämmchen, die sich schnell zu einem Flächenbrand auswachsen können. Willkommen in Gelsenkirchen. Und hier lernst du wieder den Journalisten-Kosmos rund um Schalke 04 kennen: Ist es rund um diesen Club ruhig, ist das ein Fehler im System, den es zu knacken gilt. Ich werfe keinem Journalisten vor, Geschichten zu suchen und zu veröffentlichen – aber bei der Wahrheit sollte man schon bleiben und nicht jede Mücke gleich zu einem Elefanten hochsterilisieren. (Bin ein bisschen stolz auf diese Metapher plus Falsch-Phrase in einem.)

Erreicht er die Mannschaft nicht mehr? Hat er seinen Wunschspieler Sebastian Rudy falsch eingeschätzt? Hat er ein Problem mit den französisch-sprachigen Jungs im Kader? Kann er keinen Offensivfußball lehren? Gab es die kolportierte Initiative der Mannschaft wirklich, nach den ersten zwei oder drei Spieltagen, in denen du offensiver und ballbesitzorientierter spielen lassen wolltest, die dich zurückrudern ließ? Die Bitte: Trainer, lass uns wieder so spielen wie letzte Saison!

Lieber Domenico, wir Fans wollen leidenschaftlichen Fußball sehen. Fußball mit dem Ball am Fuß unserer Jungs, nicht nur Gegenfußball. Wir wollen zudem Entscheidungen verstehen. Und deine Sprache. Dann sind sicher auch mehr Anhänger wieder bereit, dir zu folgen. Die Stimmung hat sich gedreht: Dein Chef Christian und du, ihr seid lange nicht mehr unumstritten. Auch, weil der dargebotene Fußball oft Grütze ist, selbst in der Vizemeister-Saison.

Viele verstehen nicht, warum Naldo, der Held der Vorsaison und ein großartiger Charakter, nicht spielt, obwohl es offensichtlich nicht läuft. Warum ein Kono, der zeitweise einzige verbliebene gelernte Angreifer, auf der Bank sitzt und dafür Weston McKennie und Hamza Mendyl stürmen – bezeichnend: mit den Rückennummern 2 und 3. Dass Meyer als Sechser spielte, hat auch alle verwundert, aber es fruchtete – das ist der entscheidende Unterschied. Viele verwundert die starke Rotation von Spiel zu Spiel. Klar, es liegt an der Doppelbelastung, die auch für dich als Trainer eine neue Erfahrung ist. Aber ist es nicht einen Versuch wert, mal nicht so groß zu rotieren? Dreimal in Serie die gleiche Mannschaft aufstellen? Man darf nicht vergessen, dass sich auch immer Leute verletzen, aber: Vielleicht können sich so mehr Automatismen einstellen.

Die vergangene Saison war ein dankbarer Einstieg, so ohne Verpflichtungen in Europa: Man darf den Vorteil-Faktor nicht unterschätzen, sich eine Woche lang auf einen Gegner vorbereiten zu können, während die Konkurrenz donnerstags noch im Flieger sitzt. Das ist bisher nicht möglich gewesen. Ab März ist es vielleicht wieder möglich. Dann sind einige der verletzten Spieler wieder fit. Dann wird es aufwärts gehen.

Lieber Domenico, du hast das ganze Schalke kennengelernt. Du wirst vielleicht aber auch ein neues Gesicht kennenlernen, mit prägen: das des geduldigen Schalkes. Wann haben wir endlich den Mut, ein Projekt mal zu Ende zu bringen? Ich würde dir liebend gern noch Zeit geben, auch wenn ich zugeben muss, dass auch ich Zweifel habe, ob wir mit dir weiter machen können. Ich lasse mich aber nicht beirren: Dich rauszuwerfen und mit dir vielleicht auch noch Christian Heidel, wäre der nächste kapitale Fehler in unserer Vereinsgeschichte. Du musst noch dazulernen. Das musst du dir eingestehen. Und dann hoffe ich inständig, dass mein Herzensclub dich bleiben lässt.

Glückauf und schöne Weihnachten!

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Eine Antwort to “Lieber Domenico, …”

  1. oderso251 24. Dezember 2018 um 12:06 #

    Ein Kommentar, in dem einfach ALLES stimmt!
    Fantastisch!

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