Und dann der Rückpass auf Ralf Fährmann

27 Apr

Das Schalkeweb hat die Werte der Torhüter der Bundesliga verglichen.

Es wird in Block 25 so viel darüber diskutiert, als sei es ein zentrales Element des Schalker Aufbauspiels: Unsere Abwehrreihe spielt den Ball zurück auf Ralf Fährmann und der schlägt ihn lang. Ins Seitenaus. Oder in den Mittelkreis, wo wir den Zweikampf verlieren. Der nächste Angriff des Gegners rollt. Ist es wirklich so, wie es viele empfinden, dass Schalke 04 öfter als andere Mannschaften über Fährmann spielt? Und ist der wirklich so schlecht mit dem Fuß am Ball, wie wir ihn sehen? 

Das kann man nur herausfinden, wenn man sich die Zahlen anschaut. Das habe ich getan. Heraus kommt: Weder wird Ralf Fährmann deutlich häufiger angespielt als der Durchschnitt der Torhüter in der Liga, noch ist er besonders schlecht im Passspiel. Seine Quote zum Mitspieler gespielter Pässe liegt in der laufenden Saison bei 63 Prozent. Das ist deutlich schlechter als bei Manuel Neuer (81 Prozent) und auch etwas schlechter als in der Vorsaison, als Fährmann 65 Prozent seiner Pässe erfolgreich spielte – also zwei Drittel. Aber es reicht doch noch zu Rang 7 in dieser Liste. An deren Ende steht René Adler vom Hamburger SV, bei dem jeder zweite Pass nicht von Erfolg gekrönt ist, sprich beim Gegner oder im Aus landet.

Was heißt das nun? 2 von 3 Pässen von Ralf Fährmann kommen bei einem Spieler unserer Mannschaft an. Bei Manuel Neuer, von dem wir verwöhnt waren, weil er der wohl beste Feldspieler aller Torhüter weltweit ist (man traut ihm Drittligaformat als Feldspieler zu), landen 4 von 5 Pässen beim eigenen Mann. Das hat vielleicht aber auch mit der Art der Pässe zu tun, die die Daten hier nicht abbilden: Lange Pässe sind tendenziell eher beim Gegner oder im Aus als Kurzpässe. Ralf Fährmann wird vermutlich einen höheren Prozentsatz an langen Pässen spielen als Manuel Neuer, da die Bayern ohnehin viel mehr Kurzpässe spielen und dadurch unglaublich hohe Passquoten erreichen – bei einigen Defensivspielern um die 90 Prozent. Das spricht für individuelle Qualität, klar, aber bei viel Ballbesitz zirkuliert der Ball auch schon mal ganz unbedrängt von Boateng zu Hummels zu Lahm zurück zu Hummels zurück zu Lahm und so weiter.

Sead Kolasinac hat sich zu der Frage in dieser Woche bei „Anne Theke“ geäußert. Meine Frage an ihn war, ob das eine taktische Vorgabe des Trainers sei, immer wieder Ralf Fährmann anzuspielen, damit der lange Bälle schlägt. „Nein“, sagte Kolasinac, man könne nicht sagen, dass der Trainer das explizit fordere. Aber das moderne Spiel von heute beziehe den Torwart als elften Feldspieler mit ein. So Seos Erklärung. Klar, dadurch entsteht zumindest in der eigenen Defensive beim Spielaufbau eine Überzahl: Spielt Höwedes den Ball zu Fährmann, kann er selbst sich besser von seinem Gegenspieler lösen, um dann seinerseits wieder – und vielleicht in aussichtsreicherer Position als vorher – anspielbar zu sein.

Ein richtiges taktisches Mittel ist aber unzweifelhaft in vielen Spielen das tiefe Fallenlassen eines Sechsers in unserem Aufbauspiel zwischen die Innenverteidiger im Sinne eines Quarterbacks. Das Spiel pflegte André Breitenreiter schon mit Johannes Geis, der teilweise bei eigenem Ballbesitz teilweise wie ein Libero agierte. Im Heimspiel gegen Leipzig fiel immer wieder Nabil Bentaleb damit auf. Nicht ohne Grund sagte Sead Kolasinac wohl, er habe zu Beginn der zweiten Halbzeit gegen RaBa Leipzig auf sein Gebet, das er immer vor Beginn einer Halbzeit hält, verzichtet. „Ich musste mich noch mit Nabil absprechen“, sagte er bei „Anne Theke“ auf die Frage einer Schalke-Anhängerin, der aufgefallen war, dass er diesmal nicht betete. Durch diesen Kniff im Aufbauspiel entstehen aber gefühlt viel zu große Löcher im zentralen Mittelfeld. Für Nabil bietet sich kaum eine einfache Anspielstation an, das ist der Nachteil. Es ist wohl eine Reaktion auf sehr hoch pressendes Spiel des Gegners: Mit einem Quarterback hat man eine zusätzliche Aufbau-Option im Defensivverbund. Und den Innenverteidigern Benedikt Höwedes und in extremo Holger Badstuber, der fast immer zu Fährmann zurück spielte, ist nun nicht in die Wiege gelegt worden, aus der Abwehr heraus das Aufbauspiel zu initialisieren.

Kann man also beides kritisieren. Aber für (a) gibt es aus Datensicht keine Grundlage, für (b) auch gute Argumente.

Mehr über Löcher im Mittelfeld auf halbfeldflanke.de.

Zum Vergleich: So war es 2015/16

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Eine Antwort to “Und dann der Rückpass auf Ralf Fährmann”

  1. Carlito 27. April 2017 um 18:05 #

    Zunächst Mal danke für diese statistische Aufbereitung dieses ewig jungen Themas!

    Als zweites lese ich aus den Grafiken oben, dass nicht nur die Quote erfolgreicher Pässe diese Saison im Vergleich zur Vorsaison leicht (!) gesunken ist, sondern sowohl die Anzahl der Ballkontakte sowie auch Pässe pro Minute. Von daher müsste es nicht nur gefühlt letzte Saison mit den Rückpassen ja schlimmer gewesen sein. Das kommt bei der Beurteilung mancher im Stadion eher nicht so raus. 😉

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