Leihen hat viele Vorteile – eine Replik (Gastbeitrag)

1 Sep

Leihgeschäfte – das war der Titel eines Beitrages gestern, der zu Diskussionen geführt hat. Zusammengefasst habe ich die Nachteile an der Fülle der Leihverträge, die ich sehe – und die damit verbundenen Hintergründe. Es gab Zustimmung, aber es gab auch eine recht deutliche Gegenposition: Auf der Schalke-Mailingliste, einem Dino unter den Internet-Diskussions-Plattformen, wo ich seit etwa 15 Jahren Mitglied bin, schrieb Oliver einen Beitrag, der meinen an Länge noch getoppt hat und in dem er sehr gute Argumente für Leihverträge zusammengetragen hat. Mit Radek Latal hat das auch was zu tun. Mit seinem Einverständnis veröffentliche ich seine Replik, die zu lang gewesen wäre für meine Kommentarspalte, komplett im Wortlaut. Danke an Oliver! Er schreibt:

Mir ist Dein Bericht etwas zu einseitig negativ. Man könnte auch mehr positive Aspekte finden und diese gegenüberstellen.

Grundsätzlich kann ein Leihspieler wohl davon ausgehen, dass sein „Besitzer“ zumindest in der aktiven Spielzeit nicht mit ihm plant und dass der Leihverein das tut. Die Gründe, warum er zunächst „nur“ geliehen ist, können vielschichtig sein nach dem Motto „drum prüfe, wer sich ewig bindet“. Man will ihn in einem neuen Umfeld, einer neuen Liga kennenlernen. Es fehlt aktuell an Geld. Und natürlich auch, dass man im nächsten Jahr auf eine bessere Verhandlungsposition oder einen anderen, noch besseren Spieler hofft.

Im Grunde ist ein Leihgeschäft mit einer Kaufoption der Königsweg der Verpflichtung, da es dem aufnehmenden Verein viele Vorteile bietet. Schlägt der Spieler ein, kann er ihn verpflichten. Floppt der Spieler, nimmt man davon Abstand. Das miniert klar das Risiko einer kompletten Verpflichtung, das Schalke in den letzten Jahren durch sehr krasse Beispiele wie Streit, Sam und Boateng erfahren musste. Interessanterweise gibt es noch eine Möglichkeit. Das Verein zieht die Kaufoption, um den Spieler weiterzuverkaufen. Das kommt dann zum Tragen, wenn der Spieler eine derart gute Runde spielt, dass er große Begehrlichkeiten erzielt.

Welche Nachteile kann es nun bei so einem Leihgeschäft geben? Nun, der Spieler könnte denken, dass der Verein nicht wirklich will und er vielleicht nur geholt wurde, weil er ausleihbar war. Diese Möglichkeit erscheint weit hergeholt, ist aber vorstellbar. Hier schließt sich allerdings die Frage an, wie ein Spieler damit umgeht: lässt er sich hängen oder gibt er Gas. Er hat ja Gelegenheit, aktiv zu überzeugen, dass genau er der richtige ist. Schafft er das nicht, ist er es vielleicht auch nicht. Dazu passen bei Schalke die Beispiele Höjbjerg oder Kirchhoff ganz gut. Beide Spieler kämpften mit Verletzungen und kamen dann auch an die Stammelf heran, konnten aber nicht wirklich überzeugen, dass sie die vereinbarte Ablöse auch wert sind.

Das ist eine weitere Crux an Leihgeschäften, dass ein Spieler auf der Kippe stehen kann. Der von Schalke geliehene Rafael war so ein Fall. Er spielte nicht schlecht, aber eben auch nicht überragend. Am Ende entschloss man sich, ihn nicht zu kaufen. Vielleicht ein Fehler, denn der Spieler ging zu Mönchengladbach und bringt dort konstant gute Leistungen.

Wesentlich sind auch die kleinen und kleinsten Klauseln so eines Geschäfts. Beim Spieler Bastos sorgte eine Klausel dafür, dass der Spieler bei einer verpflichtenden Kaufklausel zudem eine Ausstiegsklausel besaß, so dass er den Verein verlassen konnte. Ein abstruses Konstrukt für den Leihenden.

Die Gründe, warum ein Verein einen Spieler verleiht, statt zu verkaufen, sind ebenfalls vielschichtig, können aber im Falle einer Kaufoption eingeschränkt werden. Meistens geht solchen Verträgen voraus, dass der Spieler bereits eine gute Spielphase in seiner Karriere hatte, aber dann aus Verletzungsgründen oder durch Neuzugänge bei Spielern oder Trainern längere Zeit nicht gespielt hat. Niemand weiß wirklich, wo der Spieler ganz genau steht, aber eine gewisse Klasse wird unisono attestiert. Hier wird dann eine hohe Ablöse gefordert auf Basis des Top-Marktwertes, deren Bezahlung für den aufnehmenden Verein allerdings „ein Sprung des Glaubens“ wäre. auf Leihbasis beweist der Spieler dann seinen Wert. Und selbst wenn der Leihverein den Spieler nicht will, kann es andere Vereine geben, die ihn wollen. Der Besitzverein konnte ihn zumindest ins Schaufenster stellen. Wiederum wäre Höjbjerg so ein Beispiel.

Schauen wir nun auf die aktuellen Verpflichtungen von Schalke 04. Der Spieler Bentaleb gilt als giftig und zweikampfstark und spielt im zentralen oder defensiven Mittelfeld, dem Bereich auf dem Platz, in dem Schalke seit Jahren die größten Probleme hat. Vor der Abwehr Bälle erkämpfen, Gegner stellen, schnell umschalten und das Spiel ankurbeln sind Erfordernisse, die fehlten und durch Bentaleb beseitigt werden sollen. Bentaleb spielte für Algerien drei Vorrundenspiele bei der WM. In der Saison 2014/2015 machte er als 19-Jähriger insgesamt 35 Pflichtspiele für Tottenham in der PL und EL und bereite drei Tore vor. In der Rückrunde bestritt er mit wenigen Ausnahmen aufgrund einer Länderspielreise fast jedes Spiel über 90 Minuten und feierte Siege u.a. gegen Chelsea und Arsenal. In der Hinrunde musste er allerdings aufgrund einer Sprunggelenksverletzung pausieren. Dieses Schicksal ereilte ihn erneut zu Beginn der Saison 2015/2016, so dass er fast die gesamte Hinrunde ausfiel. Tottenham rüstete nach und er verlor seine Position in der Startelf. In der Rückrunde unterzog er sich zudem einer Knieoperation. Das ist die Ausgangsposition. Ein hochtalentierter Spieler, der erfolgreich bei seiner Stammelf ersetzt wurde. Warum Tottenham nicht mehr auf ihn setzt, bleibt Spekulation. Vielleicht ein Überangebot auf der Position, vielleicht stimmt das Verhältnis zum Trainer nicht, vielleicht glaubt man nicht an eine 100-prozentige Wiederherstellung. Genau diese Frage muss sich aber auch der aufnehmende Verein stellen. Ist er bei 100 Prozent, macht er da weiter, wo er mal stand oder packt er es nicht mehr, zum Beispiel weil er den Zweikampf scheut? Und da ist es vielleicht die beste Lösung, diesen Sachverhalt mit einer Leihe zu testen! Bestenfalls hat man einen super Spieler. Im worst case einen mehr auf der Ersatzbank, den man eigentlich braucht. Klugerweise hat Manager Heidel hier mit Stambouli auf dieser Schlüsselposition noch ein Backup installiert.

Der Spieler Koloplyanka hat seine Stärken im Dribbling und im Tempo auf den offensiven Außenbahnen. Er ist mit fast 27 Jahren im besten Fußballalter und hat einen Marktwert von stolzen 25 Millionen Euro. In der Saison 2015/2016 absolvierte er 52 Spiele für Sevilla, schoss dabei 8 Tore und bereitete 9 weitere vor. Die beste Quote hatte er interessanterweise in der CL mit 2 Toren in 6 Spielen gegen Mönchengladbach und Manchester City. Das macht ihn nicht gerade zum Dünnbrettbohrer. Allerdings hatte er auch nur 4 Tore und 7 Vorlagen in 32 Spielen in der Liga. In der Saison 13/14 waren es noch 13 Tore und 9 Vorlagen in 32 Spielen, in der Saison 14/15 8 Tore und 7 Vorlagen in 42 Spielen. Da war er noch bei Dnipro in der Ukraine. Warum Sevilla ihn ziehen lässt, ist unbekannt. Vielleicht schießt er zu wenig Tore, vielleicht ist er ihnen zu ballverliebt. Vielleicht hat oder sucht man einen besseren. Vielleicht hofft man auf eine hohe Ablöse für einen dann 28-Jährigen. Vielleicht hat Manager Heidel noch einen gut? Schalke sollte er mit seinem Tempo eigentlich gut tun. Er macht lange Wege, ist trickreich und ballsicher und kann vor allem aus dem Stand Tempo aufnehmen. Das wird dringend benötigt, um das oft statische Spiel der Schalker zu durchbrechen und den Gegner in Unordnung zu bringen.

Der Spieler Baba ist in der Bundesliga aus Fürth und Augsburg bekannt. Er hat einen raschen Aufstieg genommen und als junger Spieler international Begehrlichkeiten geweckt. Er scheint dabei wie so viele andere junge Spieler die hohen Erwartungen eines englischen Clubs nicht erfüllt zu haben. Die Zeit, die ein junger Spieler oft braucht, hat er in der PL in aller Regel nicht. Als 22-Jähriger ist er immer noch ein Talent, gilt als zweikampf- und laufstark und soll zudem flanken können. Sollte er unter seinem alten Trainer Weinzierl zur Augsburg-Form zurückfinden, wird es Kolasinac schwer haben, ihn zu verdrängen.

Soviel zu den Spielern. Interessant ist zudem die Idee, dass Geld Tore schießt und der Wert einer Mannschaft und der Tabellenplatz korrelieren. Hier konnte Schalke seinen Marktwert mit den drei Leihgeschäften um insgesamt 46 Millionen auf 214 Millionen Euro steigern und damit Wolfsburg überholen und den Abstand zu Mönchengladbach ausbauen. Der vierte Platz in dieser Liste wäre auch für viele Fans ein Wunsch für die Abschlusstabelle der Saison.

Es bleibt die Frage, wie Schalke diese Spieler bezahlt, wenn sie alle drei einschlagen. Nun, zum einen ist noch Geld da aus den Draxler- und Sané-Verkäufen. Zum anderen wird Embolo in Raten bezahlt, was bei diesen Spielern auch möglich wäre. Nicht zu vergessen, dass ein Einschlagen der Spieler auch Auswirkungen auf den Tabellenplatz haben sollte. EL hat man auch ohne sie geschafft, so dass es gern CL sein darf. Die zusätzlichen Millionen könnten dann in die Spieler investiert werden, die sich diesen Platz erarbeitet haben. Ansonsten werden diese nämlich gern um die Früchte ihrer Arbeit gebracht, indem man sie durch neue, vermeintlich bessere ersetzt. Da ist ein Leih-Kauf-Weg irgendwie fairer und nachhaltiger und damit ein weiterer Pluspunkt für solche Leihen.

Zum Schluss wollen wir noch schauen, ob es eigentlich Beispiele für erfolgreiche Leihgeschäfte bei Schalke gibt. Wenn ein Spieler nach 187 Spielen für Schalke und zwei legendären Titeln von 30.000 Fans zum Abschied unter Tränen gefeiert wird, sollte man seine Zeit auf Schalke als erfolgreich bezeichnen dürfen. Radoslav „Radek“ Látal wechselte 1994 auf Leihbasis zu Schalke. Er wurde gleich Stammspieler und daraufhin fest verpflichtet. Als Wühler auf der rechten Außenbahn war er einer der Eurofighter. Da braucht es keine weiteren Beispiele, dass Leihe klappen kann.

Was es dagegen braucht, ist es, dass die drei Leihspieler auch in den Spuren von Latal wandeln. Dann dürfen es gern jede Saison drei sein.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: