Leihgeschäfte

31 Aug

Der FC Schalke 04 betätigt sich in dieser Sommerpause sehr rege auf dem Transfermarkt. Interessant ist dabei die hohe Zahl der Leihgeschäfte: Vier ernsthafte Transfers zu den Königsblauen sind dauerhaft, drei temporär. Was hat das für Auswirkungen?

HINWEIS: Oliver hat eine Replik auf meinen Beitrag geschrieben, in dem er viele Vorteile von Leihverträgen schildert und ein gutes Beispiel für ein erfolgreiches Leihgeschäft auf Schalke schildert. 

Genau diese Frage stelle ich mir: Wie wirken sich Leihgeschäfte auf den Kader und auf die mentale Verfassung des Einzelnen aus? Grundsätzlich gilt ja: Wer ausgeliehen ist, der gehört jemand anders und geht eigentlich auch grundsätzlich davon aus, dass er nach einer Saison dorthin zurückkehrt, von wo er verliehen wird. Logischer Rückschluss könnte sein: Er wird sich mit dem aufnehmenden Verein maximal halbherzig identifizieren – er wird eher wie ein Söldner auftreten. Ich bin gespannt, wann wir den ersten Logo-Küsser von unseren drei Leihspielern sehen.

Zunächst aber mal ein Überblick:
Schalke 04 hat Breel Embolo fest verpflichtet, Benjamin Stambouli und Coke. Für alle zahlte der Club eine Ablösesumme für den alten Vertrag beim abgebenden Verein. Zudem kam Naldo, dessen Vertrag beim VfL Wolfsburg ausgelaufen war – ablösefrei, aber wahrscheinlich mit einer entsprechenden Charge an Handgeld, die dann in seine und in die Tasche seines Beraters fließen. Ob das Geld dort besser aufgehoben ist als bei den Wölfen…? Dann kam noch Robert Leipertz (ehemals Knappenschmiede, dann Heidenheim), der ging aber zum FC Ingolstadt.

Und dann haben wir die drei Leihspieler: Abdul Rahman Baba (Chelsea), Nabil Bentaleb (Tottenham), seit gestern Evgeny Konoplyanka (Sevilla). Drei Spieler, die in ihren verleihenden Clubs offenbar keine große Rolle in der aktuellen Planung spielten – sonst hätten sie sie ja nicht für eine halbe bis eine Million Euro Leihgebühr abgegeben. Ob sie damit rechnen, dass sie jemals wieder kommen, oder ob man eher davon ausgehen kann, dass eine realistische Kaufoption vereinbart ist, ist schwer zu sagen.

Warum verleiht ein Club Spieler? Das kann bestimmt verschiedene Gründe haben. Grundsätzlich aber würde ich glauben, er wird den Spieler, den er verleiht, eigentlich gut finden, aber er passt aktuell nicht in die Kaderplanung. Da spart sich der Club lieber das Jahresgehalt des Spielers und kassiert stattdessen sogar noch eine Leihgebühr. Der abgebende Verein hofft, dass der Spieler beim aufnehmenden Club viel Spielzeit bekommt, damit er ihn hinterher als gestärkten Spieler zurück bekommt – oder ihn anschließend gut (teuer) verkaufen kann. Bei Baba (22) und Bentaleb (21) passt das auch vom Alter: Sie sind jung, man darf erwarten, dass sie sich noch nach vorne entwickeln. Konoplyanka (26) hingegen ist eher im besten Fußballeralter. Da sind wir beim zweiten Grund, den eine Leihe haben kann: Der abgebende Club würden den Spieler gerne verkaufen, weil er ganz ohne ihn plant, findet aber keinen Käufer, der das, was auf dem Preisschild steht, bezahlen will. Darum lässt er sich auf einen Leih-Deal ein, vereinbart aber zugleich eine Kaufoption. Der aufnehmende Club geht damit weniger Risiko als bei einem direkten Kauf: Ist der Spieler überhaupt eine Verstärkung?

Es wirkt so, als sei Schalke 04 sich bei „Kono“ nicht ganz so sicher, bei Bentaleb und Baba eher schon. Es muss ja einen Grund haben, warum Konoplyanka beim FC Sevilla kein Stammspieler ist. Seine Torquote in der Nationalmannschaft (13 Tore bei 56 Spielen) ist auch nicht überragend. Dafür dann 15 oder 20 Millionen Euro an Ablöse hinzulegen, wäre wirklich ein Vabanquespiel. Da vereinbart man lieber eine Leihe, schaut sich den Spieler für recht günstiges Geld mal über einen längeren Zeitraum an und nimmt ihn nur dann fest zu sich, wenn er sich bewährt hat. So sind auch feste Klauseln zu erklären, die in diesem Leihgeschäft eine Rolle spielen sollen: Angeblich wird die Kaufoption ab einer gewissen Zahl von Einsätzen obligatorisch. Solche Klauseln haben aus meiner Sicht immer ein Geschmäckle: Sie fesseln den Trainer in seiner freien Entscheidung, wen er bringt oder wen er draußen lässt. Denn er muss immer im Hinterkopf haben, ob er „Kono“ behalten oder loswerden will. Und das während eines Spieles, wo eigentlich nur der Ausgang des Spiels in seinem Kopf schwirren sollte.

Aber zurück zur mentalen Seite der Leihe bei jedem einzelnen Spieler: Grundsätzlich kann man wahrscheinlich sagen, dass Spieler, die sich zu 100 Prozent mit dem Verein identifizieren, leistungsbereiter sind als Spieler, die eigentlich lieber woanders wären – es sei denn, sie wollen unbedingt demonstrieren, dass sie es wert sind, mehr Geld zu verdienen – dass sie sich also wie eine Schaufensterfigur fühlen. Aber auch das kann auch eher ein Hemmfaktor denn ein Triebfaktor sein. Im Mannschaftsgefüge könnte sie das auch eher zu Randfiguren machen. Der Reiz, Deutsch zu lernen, wird bei einem Leihspieler tendenziell weniger ausgeprägt sein als bei einem, der seine Zukunft (zumindest zwei, drei, vier Jahre) in Deutschland plant. Gleiches gilt für das Bestreben, „Freunde“ im Kader zu finden. Muss derjenige also 10 Monate lang allein Fifa17 zocken…

Warum also macht Schalke 04 das mit den Leihen? Das kann mit der Verfügbarkeit von Geld zusammenhängen: Vielleicht ist man gerade nicht so flüssig, immerhin hat man ja viel von den Einkünften aus dem Sané-Transfer gleich in Embolo und Co. reinvestiert. Es kann aber auch sein, dass man nicht ganz sicher ist, ob die Spieler, die man da holt, die richtigen Verstärkungen sind. Oder man setzt darauf, dass Langzeitverletzte zurückkehren – das kann ich mir aber bei aller Liebe maximal, maximal bei Uchida vorstellen, mit dem aber vermutlich eh keiner mehr rechnet.

Grundsätzlich habe ich ein hohes Grundvertrauen in Christian Heidel. Es fühlt sich irgendwie so an, dass seine Entscheidungen richtig sein müssen, weil er jahrzehntelang in Mainz ein gutes Händchen und Verhandlungsgeschick bewiesen hat. Dieses Grundvertrauen hatte ich maximal noch in Rudi Assauer, sonst in keinen unserer Manager seither. Zweifeln lässt es mich dennoch.

Ein warnendes Beispiel für einen Leihspieler ist Pierre-Emil Höjbjerg. Er hat es (a) nicht gebracht und (b) schon zu Vertragsbeginn gesagt, dass er die Leihe als große Chance betrachtet – nicht, um als Schalker erfolgreich zu sein, sondern um sich selbst besser für die Rückkehr zum FC Bayern in Stellung zu bringen.

Mal offen in die Runde gefragt: Gibt es in den vergangenen 10, 20 Jahren gute Beispiele für gelungene Leihverträge mit Schalke 04 als aufnehmendem Verein?

Oliver hat eine Replik auf meinen Beitrag geschrieben, in dem er viele Vorteile von Leihverträgen schildert und ein gutes Beispiel für ein erfolgreiches Leihgeschäft auf Schalke schildert. 

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Eine Antwort to “Leihgeschäfte”

  1. Jörg 31. August 2016 um 11:13 #

    Aber gelungene Beispiele bei Heidel. Der FSV Mainz hatte in der vergangenen Saison 2 Leihspieler bei denen auch die KO gezogen worden ist. Clemens und Cordoba.
    Einzelheiten zu Kaufoptionen/-pflicht sind uns nicht bekannt.

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