Des Schalkers Seele

19 Okt

Das war ja wieder ein Wochenende für Königsblaue: Ein 2:1-Sieg in allerletzter Minute, ein Support in der Arena, der unvergleichlich gut war – und als Gipfel des Ganzen dann ein Manager, der das vielleicht gar nicht mehr lange ist, weil der Aufsichtsrat an einer neuen Lösung auf seinem Posten arbeitet. Und die Reaktion der Schalker: „Nun ja, so schlecht isser ja doch gar nicht, der kleine Hotte.“ 

Fassen wir noch mal zusammen:

(1) Schalke ist nach neun Spieltagen Tabellen-Dritter mit dafür schon recht deutlichem Vorsprung auf hoch gehandelte Clubs VfL Wolfsburg oder Bayer 04 Leverkusen oder Borussia Mönchengladbach und Kontakt zu Borussia Dortmund nach oben. Das ist viel mehr, als man erwarten konnte. Das ist aber auch bei Lichte betrachtet durchaus glücklich zustande gekommen. Denn niemand dürfte sich beschweren, wenn es schalkig wie sonst gelaufen wäre – dann hätten wir am Samstag das 2:1 in der 92. Minute nicht mehr gemacht (- 2 Punkte) und auch in den Wochen vorher schon den ein oder anderen Punkt weniger eingesammelt. Man könnte auf jeden Fall auch bei 4 bis 6 Punkten weniger eigentlich nicht meckern.

(2) Dazu kommt das bisherige Programm: Schalke trifft erst jetzt auf die großen Widersacher. Derby, Gladbach, Bayern und Leverkusen stehen und bis Ende November bevor. Bislang haben wir „nur“ gegen den VfL Wolfsburg gespielt (und 0:3 verloren). Wenn es also schlecht (oder normal) läuft, werden in den nächsten Wochen weit weniger Punkte pro Spiel sammeln als bisher. Aber dass wir die Zeit bis hierher so erfolgreich beendet haben, ist schon ein großer Erfolg – das darf man festhalten.

(3) Die Stimmung ist irre umgeschwenkt: Von trist und „alles schlimm“ noch kurz vor der Sommerpause im April/Mai dieses Jahres zu „wir sind wieder eine Einheit“ zum Zeitpunkt jetzt. Das schlug sich zum Beispiel im Support am Samstag und in einem der verrücktesten Torjubel der vergangenen Jahre in der 92. Spielminute nieder – das gilt für Team wie für die Fans.

(4) Jetzt sind wir beim Thema „Wer hat daran eigentlich seinen Anteil?“: Sicherlich darf man dem Trainer André Breitenreiter, der auch am Wochenende in den Interviews (unter anderem im Aktuellen Sportstudio) wieder unheimlich gut auftrat (er sagt zwar in allen Interviews quasi das gleiche, aber immer wieder ist es gut und richtig), einen großen Anteil zuschreiben. Wenn man hört, wie die Spieler über ihn reden, dann muss man sagen: Der Mann ist wirklich gut.

(5) Wer hat ihn verpflichtet? Horst Heldt. Darum ist ein großer Anteil der Lorbeeren auch im zuzuschreiben, der bei vielen Fans schon lange kaum Kredit mehr hatte („1,69 Meter Inkompetenz“). Interessant ist: In den vergangenen Wochen hat sich diese Stimmung gedreht. Entweder, die Kritiker sind still geworden und jetzt kommen die ganzen Lobhudeler aus ihren Löchern gekrochen, oder die Kritiker sind umgeschwenkt – so ganz weiß man das auf Schalke ja nie. Jedenfalls ist Heldt wieder akzeptiert.

(6) Dumm nur, dass genau zu diesem Zeitpunkt sein auslaufender Vertrag zum Saisonende offenbar Thema im Aufsichtsrat ist. Das ist so verkehrt nicht, denn natürlich muss sich ein Vorgesetzter nun damit befassen. Aber was nicht passt zum Zeitgeist ist, dass zurzeit eher die Zeichen auf eine neue personelle Lösung denn auf Verlängerung stehen. Gerade jetzt, wo es läuft. Mancher mag sagen: Das ist genau der richtige Zeitpunkt, um so etwas zu regeln. Denn in einer Krise hat man schon genug Sorgen, da ist Konstanz bei den Handelnden vielleicht gar nicht so falsch. Nur ist es antizyklisch, und darum so ungewöhnlich. Und irgendwie wirkt es dadurch falsch.

(7) Auch vor dem Hintergrund ist das ungewöhnlich, dass man nun gar nicht weiß, wie das laufen soll: Der potenzielle Nachfolger Heidel ist bei Mainz 05 unter Vertrag, und das über diese Saison hinaus. Es wird also teuer, ihn mitten in einer Saison loszueisen. Aus Kader-Gesichtspunkten wäre „mitten in der Saison“ aber sicher sinnvoll, denn die Arbeit an der Verpflichtung einer Winter-Verstärkung (das ist nach allen Aussagen auf jeden Fall geplant, um die Ausfälle von Nastasic und Höger sowie den Draxler-Transfer zu kompensieren) läuft jetzt. Und auch die Kader-Zusammenstellung für die Folgesaison ist jetzt Thema, nicht erst in der Sommerpause nächsten Jahres. Dann wäre es für einen Tausch an der Position zu spät. So lange läuft aber Heldts Vertrag…

(8) Es kann also sein, dass Horst Heldt in der Winterpause zurücktritt, bis dahin aber weiter macht, und dann von Heidel abgelöst wird. Das kostet Schalke viel Geld (Heldt muss weiter bezahlt oder abgefunden werden, Heidel muss aus einem Vertrag herausgekauft werden) – aber Festgeld sei ja zurzeit da, so Heldt selbst am Sonntag im Doppelpass.

Nun meine Sicht der Dinge: Ich war immer von Horst Heldts Arbeit überzeugt und habe seine Fehler nie so groß gemacht wie seine guten Entscheidungen. Natürlich hat er Fehler gemacht, und dass er die Kaderkosten trotz teurer Abgänge nicht senken konnte (wenn es denn stimmt), ist auch für mich nicht ganz klar ersichtlich. Aber die Kasse bewegt sich in die richtige Richtung, bei recht konstantem Erfolg in den vergangenen fünf Jahren. Klar war die vergangene Saison ein Ausreißer nach unten („nur“ Europa-League-Qualifikation, miese Außendarstellung in der Rückrunde), klar war der Trainer-Coup mit Di Matteo eine Niete. Aber Heldt hat auch jetzt wieder die meisten seiner Fehler (abgesehen von Boateng) korrigiert. Auf der anderen Seite ist Heidel ein viel gelobter Mann, der auf Schalke bestimmt auch gut funktionieren könnte. Er hat auch schon deutlich mehr mitgemacht als Heldt, der ja eigentlich erst kürzlich noch Profi-Spieler war. Und der Zeitpunkt eines Wechsel ist – wie gesagt – auch kein schlechter. Für Horst Heldt finde ich es nur irgendwie undankbar gerade – und das tut mir für ihn persönlich Leid. Er hat sich zu einem Schalker mit Herz entwickelt und wusste stets, worauf es auf Schalke ankommt. Aber es ist ein Geschäft, das sagt er immer und das weiß er auch. Und es wird ihm finanziell gut damit gehen. Darum wird er es persönlich auch locker wegstecken und bald woanders arbeiten.

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