Der Drang zur Rückbesinnung

3 Mai

 

(3. Mai 2015) Auf Schalke macht sich in der Fanszene eine sonderbare Stimmung breit: Ich nenne sie mal einen Drang zur Rückbesinnung. Das 3:2 gegen Stuttgart war ein sehr sichtbares Zeichen für diese These.

„Wir sind Schalker, asoziale Schalker. Wir schlafen unter Brücken oder in der Bahnhofsmission.“ In den letzten 20, vielleicht 25 Minuten des sonderbaren 3:2-Sieges gegen das Tabellenschlusslicht VfB Stuttgart intonierten bestimmt 15.000 Schalker eigentlich nur noch dieses eine Lied. Und das durchaus stimmgewaltig. Einen alten Chant, der als Synonym für den Schalker Fan in den 80er-Jahren gilt. Immer dann zu hören, wenn Schalke irgendwo auswärts auflief: So empfing einen als Schalkefan der Gegner. Wenn dieser Fangesang nun heute aus der eigenen Kurve kommt: Selbstironie. Und ein gutes Stück sozialer Protest gegen die Geschehnisse im Verein. Es ist ein Statement für den eingetragenen Verein, für Tradition, für Kumpel und Malocher, für ein Schalke der 80er, das in der Tat mit dem von heute nicht mehr viel zu tun hat.

Ein ähnliches Phänomen durfte man schon in der Vorwoche beim Auswärtsspiel in Mainz erleben. Da verließen zahlreiche Fans schon vor Spielende entnervt den Block und feierten hinter den Tribünen weiter. Da sangen sie „Wir sind die Fans, die am Bierstand stehen wenn du verlierst. Du spielst schlechter als der Club, Schalke, meine Sucht“ und machten eine Polonese.

In die gleiche Richtung geht dieser Blogpost von einem offensichtlich entnervten Dauerkarteninhaber, der öffentlich bekennt, dass er nach zig Jahren nun seine Dauerkarte an den Verein zurückgeschickt hat. Der Tenor seines Blogposts: Wo ist meine Leidenschaft geblieben? Das ist nicht mehr mein Schalke!

So drücken sich Fans aus, die nun, zu Zeiten des Misserfolgs, ihrem Unmut über die allgemeine Entwicklung Ausdruck verleihen wollen. Dabei geht es ganz sicher auch um Kritik an den handelnden Personen im Verein. Um die Art ihrer Verpflichtungen, und dabei sind sicher so teure Typen wie Boateng, aber auch der Trainer Di Matteo zu nennen. Tenor: Diese Art Mensch passt einfach nicht zu Schalke. Und der Manager Horst Heldt ist bei dieser Kritik mehr und mehr auch selbst einbezogen. Man kreidet ihm inzwischen zu viele Fehlkäufe – überteuerte Profis, die keinen Charakter, dafür aber viele Blessuren mitbringen – an. 

Wohin entwickelt sich Schalke nun? Ist der FC Schalke 04 der nächste Club, der seine Fußballabteilung in eine Kapitalgesellschaft auslagert, um wirtschaftlich in der Lage zu bleiben, im Theater der großen mitzuspielen? Oder besinnt man sich auch in der Vereinsführung darauf, traditionelle Werte zu pflegen und Schalke nach wie vor als einen besonderen, einen etwas anderen Club zu erhalten? 

Vielleicht ging es den Fans heute wirklich um dieses „große Ganze“ – vielleicht ging es aber auch einfach nur um einen kleinen Protest gegen einen Rückstand im Heimspiel gegen den Tabellenletzten. Man weiß es nicht so genau. Was man aber weiß: In manchen Momenten hat der Schalker eine recht feine Antenne für das, was gerade um ihn herum geschieht. Ob das dem Erfolg hilft oder ihn eher gefährdet, ist unklar. 

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4 Antworten to “Der Drang zur Rückbesinnung”

  1. Maddin04 4. Mai 2015 um 14:55 #

    Danke für den interessanten Artikel. Ich sehe es jedenfalls ähnlich.

    Neben Selbstironie ist der Fangesang mit Sicherheit auch eine ganz große Portion grundsätzlicher Protest gegen das, was auf Schalke vor allem auch neben dem Platz abläuft. Genau wie die Strophe des anderen Liedes („Spieler kommen, Spieler geh´n“), die immer inbrünstiger gesungen wird. Das ist (für mich jedenfalls) ein Ausdruck der immer stärker werdenden Identifikationsprobleme und der Entfremdung der Fans zu den Protagonisten (Spieler und Verantwortliche) auf Schalke.

    Für mich als sog. traditioneller Fan war „Schalker zu sein“ immer auch eine vom sportlichen Erfolg unabhängige Geisteshaltung, ein Lebensstil und eine Überzeugung, gepaart mit einem unvergleichlichen Zusammengehörigkeits- und Wir-Gefühl und dem Bewusstsein einer verschworenen Gemeinschaft anzugehören, zu der immer auch Verantwortliche und Spieler gehörten. Spätestens seit Saloniki gehören für mich unsere derzeitigen Verantwortlichen nicht mehr zu dieser Gemeinschaft, spätestens da wurde klar, wie Peters, Heldt, Beckers-Schwarz, Tönnies & Co. zu uns Fans „stehen“ und was sie teilweise über uns (zumindest über die Fans in der Nordkurve!) denken.

    Schalke wird sich sicher auch in Zukunft eine gewisse Zahl traditioneller (oft nicht so zahlungskräftige) Fans halten wollen, zumindest so lange es den Geschäftsinteressen dient und in die Marketingstrategie passt.
    Aber machen wir uns nichts mehr vor: Schon längst geht es den Verantwortlichen nicht mehr darum, mündige und leidenschaftliche Fans zum Fußball zu holen, sondern eher Kunden in eine Art Vergnügungs- und Unterhaltungsarena. Selbst auf Schalke mutieren wir Fans immer mehr zu Kunden, sind wir für die Verantwortlichen in erster Linie nur noch eine Art Umsatzbasis.

    In diesem Sinne werde ich wahrscheinlich in Zukunft immer inbrünstiger die o.g. Lieder singen, ob es den Verantwortlichen (z.B. in ihre aktuelle Marketingkampagne) passt oder nicht! Oder gerade weil es ihnen wahrscheinlich nicht passt!

    • Janine1904 5. Mai 2015 um 00:57 #

      Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen^^ Ich wünsche mir unser „altes“ Schalke zurück; die Zeiten des Parkstadions, in denen es scheiß egal war,ob 2. Liga oder nicht, die Tickets waren erschwinglich, wir Fans standen zueinander und für den Verein ein, der Verein gab uns slebiges zurück…. DAS ist UNSER S04— und das will ich zurück… NAtürlich aufgrund des ganzen Kommerz´s kaum noch realisierbar; aber es wird Zeit, dass diese widerlichen, profitgeilen A**** ihre Griffel endlich von uns lassen und sich verdünnisieren 🙂

  2. Maddin04 4. Mai 2015 um 18:25 #

    Soweit der Autor die heutige Situation als „Zeiten des Misserfolgs“ bezeichnet kann ich ihm aber nicht zustimmen. Für mich als jemand, der schon sportlich richtig schlechte Zeiten mitgemacht hat, ist die Teilnahme am Europacup, sofern wir das schaffen, immer als ein Erfolg zu werten! Richtig ist sicherlich, dass sportliche Erfolge (CL-Teilnahmen) zuletzt dieses fundamentale Entfremdungsgefühl bei vielen Fans teilweise noch kaschieren und verdrängen konnten.

    Damit aber kein Missverständnis entsteht: Vor dem Hintergrund, dass wir seit mehreren Jahren für Spieler und Trainer (viel) mehr Geld ausgeben (dieses Jahr kostet uns die Mannschaft z.B. 90,5 Mio. Euro!) als alle anderen Ligakonkurrenten (Bayern zähle ich nicht mehr dazu) ist die sportliche Bilanz auch für mich eine desolate und nicht mehr akzeptabel. Gemessen am Geld, das (unser Söldner auf Managerebene!) Horst Heldt seit Jahren für den Lizenzspieleretat zur Verfügung hat und ausgibt, müssten wir sportlich längst alleiniger und unangefochtener Bayernjäger sein!

    • weckenbrock 4. Mai 2015 um 18:30 #

      Interessant ist ja, dass ein großer Teil derer, die am Samstag von asozialen Schalkern und der Bahnhofsmission gesungen haben, es im Gegenzug genießen, für Schalke vom zentralen Platz mitten in Madrid gemeinsam durch die Straßen zum Bernabéu zu ziehen. Solche Auswärts-Fahrten gehören auch für mich zu den größten Momenten meines Fan-Daseins. Für mich ist klar: Alles geht nicht.

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