Wie sich die Mangelverwaltung von Auswärtskarten auswirkt

6 Nov

Drei Niedersachsen. Darunter ein Allesfahrer, Andreas*, der seit 30 Jahren mit Schalke unterwegs ist, wie er sagt. Mit ihm kam ich bei fünf Bier ins Gespräch über den Modus der Auswärtskarten-Verteilung. Er hat keine Karte für Freiburg bekommen, weil er den neuen Registrierungsablauf am Spielort für absurd und bescheuert hält. Er schwimmt nicht mit.

Wer nicht mitmacht, der ist aber auf mittlere Sicht aus der Zuteilungs-Garantie raus: So kann man das System in aller Kürze beschreiben. Es gibt eine Punkte-Rangliste, auf der man als Einzelbesteller heraufsteigt, wenn man sich am Spielort bei der oft, nicht immer vorhandenen Anwesenheitskontrolle meldet, und auf der man sinkt, wenn man eine Karte zugeteilt bekommt, aber sich nicht an die mitunter lange zusätzliche Schlange am Stadioneinlass anstellt. Wenn man nicht fährt und keine Karte hat, stagniert man und wird von anderen Vielfahrern überholt.

Der Kartenverteilungsschlüssel richtet sich aber in erster Linie nach dieser Liste: Wer oben steht und bestellt, bekommt eine Karte. Ist das Kontingent erschöpft, gibt es für Fans unter dem Strich keine Karte. Einen Zufallsfaktor gibt es noch: Ein Teil der Karten wird unter allen Bestellern verlost, unabhängig von der Rangliste. So kann man auch mal Glück haben, wenn man weit unten steht oder neu ins Auswärtsfahren einsteigt. Und ein dritter Teil des Gesamtkontingentes wird unter den Fanclubs im Dachverband vergeben – auch hier nach komplizierten Zuteilungsschlüsseln und regionalen Quoten.

Klingt eigentlich ziemlich gerecht – aber auch tierisch kompliziert. Ausgedacht haben sich das Mitarbeiter aus Verein und Fanclub-Dachverband, die sich um Ticketbelange kümmern und ein zentrales Problem in den Griff bekommen wollten: Es gibt mehr Nachfrage als Angebot. Und man will versuchen, es allen – Alles-, Viel-
und Gelegenheitsfahrern – irgendwie möglichst Recht zu machen. Schwierig!

Das verkopfte System führte zum Beispiel bei einem Auswärtsspiel in Hannover zu einer langen Extra-Schlange an der Registrierungsstelle. Da hatte Andreas* aus Niedersachsen die Schnauze voll von diesem System. Er stellte sich nicht in die Schlange, bekam als Besteller schmerzende Minuspunkte und hat inzwischen eine Position auf der Rangliste, die ihm als Allesfahrer erstmals seit vielen Jahren für das Gastspiel in Freiburg keine Karte bescherte. „Das ist ein Stich ins Herz“, sagt er. Statt einem wie ihm kämen da nun Leute ins Stadion, die gar nicht so dabei seien. „Schalke ist mein Leben. Ich trage Schalke im Herzen“, sagt er und guckt mich an, als komme er gerade von einer Derby-Niederlage durch ein Gegentor in der Nachspielzeit zurück.

Andreas* ist natürlich nicht der einzige, der Schalke im Herzen trägt. Dafür muss man auch sicher kein Allesfahrer sein. Aber er war schon dabei, als noch 200 Schalker zum Auswärtsspiel nach Saarbrücken gurkten. Da saßen noch Leute mit im Bus, erinnert er sich, wie er als Schlachtenbummler, die heute für den Verein oder den SFCV arbeiten. Die dieses Kartensystem vertreten müssen, weil sie es mitentschieden haben. Die heute nicht mehr im Fanbus sitzen, sondern im Vereinsflieger. Und die Andreas* heute nicht mehr grüßen – und er sie nicht.

Die Welt verändert sich, mit dem Erfolg kommen die Massen, und für den Erfolg hat der Kommerz Einzug gehalten. Wer Schalke in der Champions League sehen will, der muss sich von manch lieb gewonnener Tradition verabschieden. Und der Verein muss eine Knappheit verwalten und möglichst so organisieren, dass man damit möglichst vielen gerecht wird. Das ist verdammt schwer, und vielleicht war es anders nicht möglich.

Andreas* sagt: „Das hier, dass ich mit Schalke in Lissabon, Madrid, Mailand und Manchester sein darf, ist die Belohnung für die grauen Tage, die ich mit Schalke mitgemacht habe, vor 30 Jahren.“

Nach Maribor will Andreas* auch fahren. Das Kartenkontingent ist dreistellig…

*Hinweis: Den Namen musste ich mir ausdenken; mein Gesprächspartner hatte ihn mir genannt, aber ich habe ihn vergessen. Er hat mir aber gesagt, dass er für seine Aussagen auch mit seinem Namen stehen würde. Das würde ich gerne, kann es aber leider nicht einlösen.

Disclosure: Ich selbst bin kein Allesfahrer und habe das Glück, in einem gut organisierten Fanclub (Emspower Rheine) Mitglied (und Mitarbeiter) zu sein. So gelingt es oft, dass ich ein- bis zweimal im Jahr mit Ticket zu internationalen Auswärtsspielen reisen kann.

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