Di Matteo, der Dirigent – eine 90-Minuten-Studie

18 Okt

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Roberto Di Matteo, Dirigent: So geriert sich der neue Cheftrainer des FC Schalke 04 am Spielfeldrand beim 2:0-Sieh gegen Hertha BSC, seinem Einstand auf Schalke. Er steht über weite Strecken des Spiels vorne in der Coaching Zone. Manchmal zieht er sich auf die Trainerbank zurück, setzt sich, aber erst nach der Pause auch mal längere Zeit. Ich habe ihn von der Haupttribüne aus 90 Minuten lang beobachtet. Der Versuch einer Verhaltens-Studie.

Di Matteo stellt taktisch um. Er spielt praktisch ein 4-4-2 mit Boateng als hängender Spitze neben Huntelaar. Dazu kippt Draxler oft hinter diese Reihe mit ins Zentrum ab. Fuchs spielt Linksverteidiger, Ayhan neben Höwedes in der Innenverteidigung. Max Meyer bleibt erst mal draußen.

0:00′ Di Matteo betritt das Spielfeld. Im dunkelblauen Maßanzug. Mit Cardigan drunter, ohne Krawatte. Die Fotografen umlagern ihn. Er nimmt es bis Sekunden vor dem Anpfiff hin, das Spielfeld nicht zu sehen, sondern mit Blickrichtung Feld nur Objektive und graue Westen zu sehen.

2:30′ Di Matteo steht an der Linie der Coaching Zone. Er wird sich kaum hinsetzen in diesem Spoel.

6:16′ Einwurf Hertha. Di Matteo pfeift kurz auf zwei Gingern und deutet mit der linken Hand Dennis Aogo an, etwas zentraler zustehen, weil in seinem Rücken ein Harthaber frei steht. Aogo sieht’s und deckt den zentralen Raum zu.

7:40′ Huntelaars Riesen-Chance: Di Matteo sieht es aus der Coaching Zone, dreht ab und reibt sich die Hände. Den musste(!) man machen. Di Matteo setzt sich kurz in seinen Box. Als das Spiel weiter läuft, steht er wieder.

12:22′ Hertha spielt sich in Mittelfeld den Ball zu. Sein hängender Stürmer Boateng springt mit einer Grätsche dazwischen. Di Matteo steht direkt daneben, ballt die Faust und ruft Boateng zu. Das hat ihn gefallen.

15:23′ Huntelaar erarbeitet sich die nächste dicke Chance am rechten Sechzehner-Eck. Zieht selbst ab aus spitzem Winkel, statt Prince am Elferpunkt oder Draxler am zweiten Pfosten zu bedienen und verfehlt. Die ärgern sich schwarz, Huntelaar auch. Di Matteo zeigt keine große Regung.

18:06′ Tor! Draxler flankt Klasse nach einer sensationellen Vorarbeit von Choupo Moting, Huntelaar köpft gefühlvoll ins rechte Eck. Di Matteo jubelt: Er dreht nach links zur Mittellinie ab, geht fünf Schritte Richtung Bande, ballt beide Fäuste. Geht zurück in die Coaching Zone, ballt zwei Unterarm-Fäuste und gibt Ayhan dann Anweisungen mit Fingerbewegungen. Der Trainer jubelt allein. Kein Abklatschen mit niemandem.

25:27′ Schalke baut über Links auf. Fuchs hat den Ball. An der Seitenlinie tänzelt Di Matteo und deutet mit dem linken ausgestreckten Arm an, dass Jule rauskommen soll, die Line besetzen. Fuchs spielt den Pass, Hertha fängt ihn ab.

26:43′ Manchmal, selten, wie jetzt, setzt sich Di Matteo in die Box zwischen seine zwei Assistenten Sven Hübscher und Attilio Lombardo. Sie sprechen kurz, sehr kurz, nach 22 Sekunden steht der Trainer wieder vorne an der Zonen-Linie – oder einen Schritt drüber, wie sonst oft.

29:20′ Wasser für den Chef: der Co Lombardo reicht Di Matteo eine 0,5-Liter-PET-Flasche Wasser. Ein Schluck, dann steht sie wieder in der Box.

30:43‚ Verletzungsunterbrechung. Der Chef setzt sich – es wird die längste Sitzperiode vor der Pause. Die drei Coaches sprechen miteinander. Erst bei 32:18‘ steht Di Matteo wieder, mit einer Hand in der Tasche. Die andere braucht er schon wieder zum Anzeigen. Interessant ist der Vergleich: während Hertha-Coach Jos Luhukay viel sitzt, ist Di Matteo sehr viel unterwegs. Sein Körper stets gespannt, zwei-, dreimal sogar in Sidestep unterwegs, wenn sich das Spiel verlagert. Luhukay hat die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtet bloß.

40:17′ Draxlers Flanke beim Konter geht Choupo-Moting nicht gut genug nach. Di Matteo nimmt beide Hände hoch an die Schläfen. So eine Art sekündliches Haareraufen eines Glatzkopfes.

42:23′ Fährmann fängt eine Ecke ab. Di Matteo deutet an, er solle das Spiel schnell machen – mit einer schiebenden Armbewegung. Der Keepern lässt es langsam angehen, weil Anspielstationen fehlen.

Halbzeitpfiff. Erst Hübscher, dann Di Matteo, dann der dritte Coach gehen in der Reihenfolge, in der sie nebeneinander sitzen, in die Katakomben. Oben auf der Tribüne stecken sich Norbert Meier und Michael Frontzeck zusammen eine Zigarette an und quatschen.

Foto: Marc Geschonke

Von hier oben hatte ich beim Spiel eine Top-Sicht auf Roberto Di Matteo.

Nach 8 Minuten Pause machen sich sechs Schalker Auswechselspieler an der Mittellinie warm – angeleitet und im kleinen Kreis mit einem Fitness-Coach. Erst nach 4 Minuten Aufwärmen dürfen sie locker kicken – das durften sie sonst direkt.

Zweite Halbzeit, keine Wechsel. Di Matteo kommt nach der Mannschaft raus. Er steht gleich wieder vorne in der Zone.

50:14′ Uchida spielt einen Eröffnungspass zum Gegner. Di Matteo fällt kurz in den Rücken. Beobachtet dann weiter. Fährmann fängt recht bald einen hohen Ball ab, Di Matteo fordert wieder gestenreich den schnellen Ball, zeigt freie Räume. Als der Pass nicht kommt, ärgert er sich etwas: Er winkt kurz nach hinten ab.

55:21′ Sechs Schalker Reservespieler gehen zum Warmlaufen, während die Herthaner schon längst dabei sein. Der Chef hat sie nicht selbst geschickt, sie gehen in seinem Rücken.

60:01′ Hertha wechselt. Co-Trainer Hübscher dreht die Hände über dem Kopf. Er will einen Positionswechsel im eigenen Team andeuten. Das Signal kommt an.

61:29′ Di Matteo sitzt und tickt Hübscher an. Der zieht das Trikot mit der Rückennummer von Max Meyer und zeigt es der Aufwärmen-Reserve. Meyer läuft zur Bank. Und eine halbe Minute später wieder zurück. Spontan umentschieden?

63:11′ Während die Fans den ersten Freistoßspray-Einsatz beklatschen und Schalke den Ball zurecht legt, pfeift Di Matteo auf seinen Fingern und zeigt wild mit dem langen linken Arm an, wie sich ein Spieler postieren soll. Wer, ist von oben nicht zu erkennen.

64:41′ Draxler macht das 2:0, als einige Fans schon zu raunen anfangen, weil er ihnen am Strafraum den Ball zu lange hält. Die Arena feiert. Di Matteo auch. Er streckt beide Arme dreimal über den Kopf, läuft linksherum im Kreis, ballt die Unterarm-Fäuste und vervollständigt den Kreis. Dann klatscht er mit Co-Trainer Lombardo mit der linken Hand ab. Die anderen um ihn rum feiern, aber lassen den Chef in Ruhe – auch Hübscher.

69:24′ Freistoß Hertha, Gelb Uchida. Wild winken Hübscher und Battara links und rechts von Di Matteo Choupo-Moting am eigenen Sechzehner zu, er solle sich weiter nach links orientieren. Di Matteo sitzt still und beobachtet nur.

70:38′ Schalke in Ballbesitz, das Spiel auf links. Im Rücken von Choupo steht Di Matteo, ruft ihn und deutet mit ziehender Handbewegung energisch an: Komm raus auf den rechten Flügel. Choupo lässt sich förmlich rüberziehen. Der Angriff versiegt.

74:28′ Di Matteo sagt „Meyer“, Hübscher ruft ihn wieder mittels Trikot mit der 7 heran. Der läuft zur Bank, zieht sich um, Hübscher setzt sich dazu, spricht eine Minute mit ihm. Dann geht Meyer vor zu Di Matteo, der nimmt ihn seitlich in den Arm, sagt ihm zwei Sätze. Und kommt für Boateng, der runter geht und zunächst ein Handshake vom Chef-Trainer bekommt. Derweil schickt Lombardo Meyer mit einem Popo-Klaps auf den Rasen.

Es folgen noch zwei Wechsel. Beim zweiten spricht Obasi erst mit Lombardo, dann mit Hübscher, ehe ihm Di Matteo noch zwei, drei Dinge sagt. Kurz vor Schluss kommt Kirchhoff. Den greift sich Di Matteo selbst zuerst, noch bevor er sich umziehen kann. Spricht lange mit ihm, dabei sind nur noch drei Minuten zu spielen. Dann kommt er rein und ersetzt Julian Draxler, den auch di Matteo als erster empfängt. Er beglückwünscht ihn staatsmännisch mit Handshake, danach klatschen ihn Hübscher und Lombardo kräftig ab.

Wenig später ist Schluss. Di Matteo klatscht mit Hübscher und Lombardo ab, bleibt in der Coaching Zone. Dann klatscht er ab mit einigen Leuten von der Bank, die aufs Spielfeld zum Team in den Mittelkreis gehen und dabei an der Coaching Zone vorbei kommen. Dann sieht er Herthas Kalou, geht hin, nimmt ihn in den Arm, tätschelt ihm die Schulter. Danach spricht er lange mit einem weißhaarigen Hertha-Verantwortlichen. Die Mannschaft feiert in der Kurve. Und als sie zurückkehrt in die Katakomben, hat sich Di Matteo bereits gerade in selbige zurückgezogen.

Hinweis: So eine Beobachtung hab ich in dieser Intensität noch nie gemacht. Es kann gut sein, dass Jens Keller bei genauer Betrachtung ähnlich agiert hat.

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5 Antworten to “Di Matteo, der Dirigent – eine 90-Minuten-Studie”

  1. Carlito 19. Oktober 2014 um 20:48 #

    Mal eine völlig andere Sicht auf ein Bundesligaspiel und mal interessant zu lesen.

    • weckenbrock 19. Oktober 2014 um 21:27 #

      Spiel? Ach so, davon hab ich gar nix mitbekommen. 😉

      • Carlito 19. Oktober 2014 um 21:35 #

        Glaube ich gerne! 😀

  2. woischwat 20. Oktober 2014 um 09:03 #

    Wow. Toll beobachtet!

Trackbacks/Pingbacks

  1. Roberto di Matteo: 90 Minuten lang beobachtet - 20. Oktober 2014

    […] Die komplette Studie findet ihr hier. […]

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