Schaurige Tendenz

7 Apr

Ich fürchte den Tag, an dem das hier Schule bei allen brisanten Fußballspielen in Deutschland macht: eine komplett durchorganisierte Anreise wie beim Spiel von Hannover 96 bei Eintracht Braunschweig. Klar, Schuld daran sind die, die solche Spiele als Plattform für ihre hohle Gewalt missbrauchen. Aber es muss auch anders gehen.

Ich wohne 1,8 Kilometer vom Signal Iduna Park entfernt und stelle mir gerade vor, ich müsste demnächst erst 40 Kilometer mit dem Auto nach Gelsenkirchen fahren, um dort in einen Bus zu steigen, der mich dann zurück nach Dortmund zum Gastspiel beim BVB bringt. Nach dem Spiel steige ich in den Bus, werde nach GE zurück gebracht, steige um in mein Auto und fahre zurück nach Dortmund, nach Hause. Quatsch? Unrealistisch? Nein. Realität in eben jenem anderen brisanten Derby, dass durchaus auch schon mal als Hass-Duell firmiert.

So war das am Wochenende: Beim Spiel Braunschweig gegen Hannover, das von der Brisanz her das Revierderby angeblich noch mal toppte, lief das so ab: Alle Gästefans mussten sich an einem Sammelpunkt in Hannover zusammenfinden, wurden dort in Busse geladen und dann von der Polizei zum Stadion eskortiert. Dort wurden sie in einem abgetrennten Bereich vor dem Gästeblock herausgelassen, durften das 0:3 genießen und anschließend wieder in den Bus. Das Heikle daran: Das galt laut Medienberichten (wie dem hier auf zeit.de), auf die ich mich hier verlasse, für alle(!) 96-Fans. Ausnahmslos.

Nun ist das „Holländische Modell“, wo solche Anreisemodalitäten selbstverständlich sind, in Deutschland erstmals in dieser Form umgesetzt worden. Die Polizei ist zufrieden, weil es rund ums Spiel ruhig geblieben ist. Rund um Hannover 96 rumort es gewaltig. Denn einige Fans erwirkten im Vorfeld des Spiels per Einstweiliger Verfügung, doch individuell (ist das schon konspirativ) anreisen zu dürfen – nämlich die Inhaber von Auswärtsdauerkarten, die sich dabei auf die im Grundgesetz verbriefte Reisefreiheit beriefen. Der rechtliche Teil dieser Geschichte wird im Blog „Strafrecht am Spieltag“ ausführlich behandelt. Es gab am Sonntag am Rande des Spiels in Braunschweig am Bahnhof eine rund 20-minütige Demo für die Reisefreiheit. Die Polizei kesselte die Kundgebung von 700 Hannoveranern, die der gewaltbereiten Szene zuzuordnen gewesen seien, am Bahnhof ein. Diese fuhren dann wieder zurück nach Hannover.

Das Revierderby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 im März 2014 fand auch unter besonderen Bedingungen statt: So viele Polizisten und Sicherheitskräfte wie nie zuvor waren an jenem Dienstagabend vor Ort im Einsatz. Es gab auch ein Anreisekonzept besonderer Art, das aber ausschließlich zu loben war: Es galt die Reisefreiheit, jeder konnte individuell anreisen. Im Zug bis zum Dortmunder Hauptbahnhof, mit dem Auto bis zu einem eigens abgesperrten Gästeparkplatz, mit dem Fanbus auf einem anderen eigens abgesperrten Gästeparkplatz.

Oder eben mit dem Fahrrad, 1,8 Kilometer…

 

 

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