Eine neue Trainerdiskussion

28 Okt

Spätestens nach der Derbyniederlage am Samstag gegen den BVB zählen unsere Fans unseren Trainer an. Von „B-Jugend-Trainer“ bis „der käme doch nicht mal mit Minikickern klar“ reicht die Spanne der polemischen Kommentare auf der Tribüne. Es gibt aber auch sachlichere Kritik, und die macht sich an grob diesen vier Vorwürfen fest.

Keine Handschrift, kein Konzept
Viele werfen Keller vor, dass er keine Idee, keine Strategie verfolgt. Die Mannschaft rennt in der Tat oft konzeptlos über den Rasen. Es wirkt alles eher zufallsbasiert: Die Angriffe, letztlich die Tore gründen tendenziell eher auf erfolgreichen Einzelaktionen unserer Spieler als auf einer Mannschaftsleistung. Draxler, Boateng, Szalai, zuletzt oft sogar Max Meyer haben die Fähigkeit, mit einer Aktion ein Spiel zu entscheiden oder zumindest mal ein Tor zu erzielen oder zu initiieren. Aber eine Kontinuität in ihren Leistungen ist nicht erkennbar. Zudem fehlen dem Team die taktischen Varianten. Und wenn der Gegner zum Beispiel aktives Gegenpressing spielt und uns damit das Leben schwer macht, so ist bei uns oft nichts derartig konzeptionelles zu sehen, wo man sagen würde: Das trägt die Handschrift des Trainers.

Keine Individualförderung
Viele werfen Keller vor, einzelne Spieler würden leistungsmäßig stagnieren oder hätten sogar Rückschritte gemacht. Roman Neustädter ist dafür ein Beispiel, Uchida, Höwedes oder zuletzt Julian Draxler, der seit Wochen – auch im Derby – einfach nicht wiederzuerkennen ist. Ich kann diesen Vorwurf teilen, wobei man Max Meyer davon sicherlich ausnehmen darf. Er spielt zurzeit regelmäßiger als geplant (Stichwort: behutsamer Aufbau) und war im Derby neben Hildebrand und überraschend auch Fuchs einer unserer Lichtblicke. Es kann aber auch sein, dass die Verletztenmisere, der Ausfall von sicherlich vier bis fünf absoluten Leistungsträgern, dazu beiträgt, dass Keller nicht so konzeptionell arbeiten kann, wie er es sich wünschen würde. Ganz sicher sogar nötigt ihn die Verletztenmisere immer wieder dazu, spontan umzudisponieren.

Keine Verbesserung von Schwachstellen
Zwei große Schwachstellen des FC Schalke 04 kann man in dieser Spielzeit ausmachen, beide liegen in der Defensive: Verteidigung von Standards und Umschaltspiel bei Ballverlusten in der eigenen Offensive. Die Standards: Aus meiner Sicht sind Eckbälle im Vergleich zu Chancen aus dem laufenden Spiel heraus relativ einfach zu verteidigen. Man kann das Verhalten einstudieren, wenn der Ball von außen in den Sechzehner segelt. Er kann ja nur von zwei Seiten kommen. Man kann Zuordnungen und Raumaufteilung trainieren, Kopfballzweikämpfe und Torwartspiel üben. Doch immer wieder führen Ecken zu Gegentoren. Es wirkt, als würde niemand aus den immer vergleichbaren Gegentoren lernen. Der zweite Schwachpunkt: Wir sind mit dem Ball am Fuß in der Offensive, spielen einen Risikopass oder gehen einen Risikozweikampf ein, verlieren den Ball – und bumms, scheppert es bei uns in der Bude. So gesehen gegen Chelsea und den BVB. Im Umschaltspiel sind wir zu langsam oder zu ungestüm oder zu unsortiert. Und unser Torwart hält kaum mal eine Ball in schwierigen Situationen (Ausnahme: das Derby, gute Leistung – auch im Eröffnungsspiel nach dem Abfangen des Balles!).

Keine gute Außendarstellung
Viele werfen Jens Keller vor, mit immer gleicher Miene unterwegs zu sein, immer alles besser zu reden als es eigentlich ist. Er nimmt die Spieler eher verteidigend in Schutz, als ihnen mit Kritik zu begegnen. Davon ziehen einige einen Rückschluss auf seine Innenwirkung aufs Team: Kann dieser Mann die letzte Motivation vor so einem Derby aus der Mannschaft herauskitzeln? Dieser Rückschluss ist natürlich nicht zwangsläufig, vielleicht spricht er intern ganz anders mit den Spielern. Aber Außenwirkung, auch wenn es sicher nicht alles ist, ist in diesem seinem exponierten Beruf eine zentrale Eigenschaft.

In einigen Punkten teile ich die Kritik mit meinen Mitschalkern, würde Keller aber noch etwas Zeit zugestehen. Denn bei uns gerät ein Trainer immer sehr schnell in die Schusslinie. Die dauernden Entlassungen sorgen nicht eben für Kontinuität – und sie kosten auch noch extrem viel Geld. Ich glaube aber (These!): Wenn sich bis Jahresende nicht noch entscheidendes verbessert, werden wir bald Ralf Rangnick (Würde er es ein drittes Mal bei uns machen?) oder Mike Büskens (Kann er konzeptionell wirklich mehr als Keller?) wieder bei uns begrüßen dürfen. Selbst wenn wir in Champions League und DFB-Pokal überwintern.

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2 Antworten to “Eine neue Trainerdiskussion”

  1. Andreas Schulz 29. Oktober 2013 um 21:54 #

    Ja Tobi,
    so gehts auf Schalke nunmal schnell zu – stimmen die Ergebnisse nicht UND stimmt das Spiel nicht – dann wird der Trainer in Frage gestellt – doch bei JK war es vom ersten Tag sehr kritisch und auch hämisch.
    ABER ich versteh nicht, wo die Eindrücke aus dem Trainingslager in Klagenfurt geblieben sind. Da wurde täglich das schnelle Umschalten, das Pressing und die Balleroberung, das Spiel mit wenig Kontakten geübt und teilweise nein eigentlich regelmäßig auch mit sehr viel Dampf unter Anleitung des „Triple-Co-Trainers“ gut gemacht.
    Viele Unterbrechungen und Erklärungen und die Truppe war mit Eifer und Feuer dabei. Und das jeden Tag trotz Hitze.
    Wo ist das ALLES hin und warum sieht man davon nix?
    Wie sieht die tägliche Trainingsgestaltung aus?
    Wer leitet was an?
    Fragen über Fragen und leider lese und höre ich nirgendwo fundiert Antworten und weiß selbst auch keinen GUTEN RAT – Schade eigentlich, weil wir Schalke-Fans uns doch per se schon alle für absolute Fußball-Experten, wenn nicht sogar für „perfekte“ Trainer halten – aber wer soll es richten? Keller und sein Team? Büskens? Rangnick? – ich appeliere für einen sog. Konzepttrainer à la Favre… – diesen Leuten traue ich das zu und dann würde man auch ein Spielsystem erkennen und wenn es dann noch ein offensives ist – ohhhh Mann was wären wir alle zufrieden und glücklich. Hauptsache es wäre überhaupt ein System zu erkennen – denn das erwarte ich schon von einem Trainer der täglich mit Profis arbeitet und denen etwas beibringen will. Was eigentlich??
    Es kann doch nicht sein, dass die Kicker schlechter werden als sie es vorher waren (Neustädter, Barnetta, der übrigens in Frankfurt gut spielt;…) oder richtig gute fallen aus welchen Gründen in ein Leistungsloch. Daher wünschte ich mir, dass sich unsere gesammte sportliche Leitung mal zusammensetzt und ne klare Richtung festlegt – das Problem ist aber mal wieder das liebe Geld!!
    Meine Behauptung: das ist der Kernpunkt unsere Misere – wir brauchen kurzfristige Erfolge und haben keine Zeit etwas zu entwickeln, was nicht sofort funktioniert und nicht immer lukrativ ist.
    Also steht der Profit vor dem Konzept!!!!
    Und solange dies der Fall ist wird sich Auf Schalke nicht viel ändern.
    Glückauf
    Andreas

    • Lutt 31. Oktober 2013 um 21:47 #

      naja, bei dem Trainer warten wir jetzt schon ziemlich lange auf ein Konzept, oder…? Also der böse „schnelle Erfolg“, der uns ja schon unter Magath ereilt hat, ist abzuwenden! Darum müssen wir wie lang darauf warten müssen, bis ein immer noch sehr starker Kader mal „richtig Fußball spielt“…?

      Cooler Blogeintrag übrigens. Spricht mir ziemlich aus der Seele…

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