Ist das der Fußball, den wir lieben?

26 Okt

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Das Revierderby – eigentlich ein Feiertag des Fußballs. Heute nicht. Mir hat nicht erst das 1:3, sondern schon das „Vorspiel“ die Laune vermiest. Ein schwarzer Mob lieferte sich in Essen ein Katz- und Maus-Spiel mit der Polizei und brachte dann andere Menschen in Lebensgefahr. Fußball? Nebensache.

Während das 1:3 noch nachwirkt, belassen wir es in diesem Blogpost erst mal bei dem Außersportlichen. Was für mich den Fußball erst zu dem macht, was er ist: die Fankultur. Horden von Menschen gehen für ihre Leidenschaft, ihren Klub auf die Straße, singen, grölen, feiern, zeigen Flagge, heiligen ihre Vereinsfarben. Liefern sich Singschlachten mit anderen Fangruppen und eifern dem Ziel nach, der Klub mit den lautstärksten, den begeistertsten, den reisefreudigsten, den besten Anhängern zu sein.

All das erreicht dann den Gipfel, wenn es gegen den größten Rivalen geht. Revierderby – das heißeste aller Derbys in Deutschland. Der zweit- gegen den drittgrößten Klub Deutschlands, keine 40 Kilometer voneinander getrennt, beheimatet in einer Region, die vor Fußballleidenschaft brennt, die eine Arbeitergeschichte verbindet und deren verbindende Elemente, deren Ähnlichkeit die große Substanz der Rivalität begründet. Darum ist die Vorfreude auf ein Derby so groß.

In diesem Jahr war mir vorher klar, dass das Derby schmerzhaft sein würde. Nach vielen Jahren, in denen Schalke in Serie kein Derby verlor, hat der BVB das Stärkeverhältnis der beiden Klubs zueinander in den vergangenen vier, fünf Jahren gedreht. Darum waren die Derbys in der vergangenen Saison so schön: Der Favorit verliert, der Underdog überrascht. Darum tut diese Niederlage auch nicht so weh. Was mich viel mehr stört ist das dämliche, nein, unmenschliche Verhalten einiger „Gäste“. Die haben die Grenze deutlich überschritten.

Der Umgang mit Pyro hat für mich unterschiedliche Qualitäten. Vorweg: Ich finde, Feuerwerk hat in Menschenmassen nichts verloren. Und mag es noch so stimmungsvoll sein, so prächtig, so knisternd – es ist gefährlich und gehört deswegen schon gar nicht in die Hände (oder Dickdärme) von angetrunkenen Fans, die im Getümmel Flammen entzünden, die mehr als 1000 Grad heiß werden. Aber wenn es dabei bleibt, alle Fackelträger die Fackel sauber in der Hand halten, sie dort abbrennen lassen und die verglühten Hülsen dann auf den Boden fallen lassen – dann hat das eine Qualität, die man von mir aus noch diskutieren kann.

Ein paar BVB-Fans haben heute dieses Maß weit überschritten: Sie haben zuerst mindestens zwei Plexiglasscheiben in der Arena zertreten und dann irgendwelche Leuchtkörper abgeschossen und mindestens eine brennende Fackel geworfen. Die Fackel landete auf dem Rasen, zum Glück! Aber die Leuchtkugeln wurden in Richtung Südkurve und Gegengerade abgeschossen. Mindestens zwei davon, eine auf der Gegengerade, eine ganz unten in den ersten Reihen der Südkurve, sind brennend in die Zuschauerreihen gefallen. Ich weiß nicht, ob sie jemanden getroffen haben, aber ich mag mir das auch gar nicht vorstellen. Und dann detonierten noch drei Böller im Umfeld des Gästeblocks. Ganz ehrlich: Hätte ich in einem benachbarten Block gesessen, hätte ich die Tribüne sofort verlassen und mir irgendwo einen anderen Platz gesucht.

Was tut man nun? Gute Frage – es ist wieder eine Grenzfrage: Nimmt man einen ganzen Block in welcher Form auch immer in „Sippenhaft“, trifft es sehr viele Unschuldige. Die Datei Gewalttäter Sport arbeitet genauso – und ist ganz zurecht umstritten. Muss man Leibesvisitationen, Nacktkontrollen vornehmen? Das ist rechtlich meines Wissens fragwürdig und ebenfalls zurecht umstritten. Lässt man Gästefans bei Brisanzspielen draußen? Das nimmt dem Derby die oben geschilderte Magie. Findet man Wege, die einzelnen Täter auszumachen? Sie stehen im Schutz der Gruppe und lassen sich aufgrund diverser Vermummungstricks selten identifizieren.

Außer der menschlichen Vernunft des Einzelnen, einen anderen Menschen nicht zu verletzen – und schon gar nicht wegen einer anderen Fußballgesinnung -, fällt mir keine adäquate Lösung ein. Die Fankurve braucht eine Selbstreinigung. Kein Fußballfan darf das Werfen von Böllern oder Pyro-Fackeln eines anderen decken. Und Fanabteilungen und Vereine müssen in die Kurve hineinwirken.

Vor Roman Weidenfeller ziehe ich heute erstmals in meinem Leben meinen Hut (und das nicht wegen des halbhoch geschossenen Boateng-Elfers): Er hat sich der Kurve gestellt, hat sich in die Rauchbrunst begeben und wild gemotzt, während alle anderen sich in die Kabinen verkrochen haben. Die Kurve hat weiter gebrannt, die Fans haben ihren eigenen Torwart verraten und ihren Verein beschmutzt. Ich hoffe sehr, sie haben keinen Fußballfan, der einfach nur ein spannendes Derby verfolgen wollte, schwer verletzt.

Solche Vorspiele machen mir die Freude an meinem Hobby madig.

Update 23.30 Uhr:
Markus vom Blog „Schalker Megafon“ zieht einen Vergleich, der wahrlich zutrifft. Er schreibt: „Ich verstehe nicht, warum zwei Hundertschaften wegen eines roten Stücks Stoff in den Schalker Block einmarschieren dürfen (…), aber wenn ein paar Gästehooligans mit Leuchtmunition auf Kinder im Familienblock schießen, baut sich die Polizei nur daneben auf. Vermutlich, um sie vor aufgebrachten Schalkern zu schützen.“

Disclosure: Ich stehe oft genug selbst in einer Kurve, in der Pyro zum Einsatz kommt (siehe Derby letzte Saison in Dortmund, siehe Basel). Meines Wissens sind aus dieser Kurve aber abgesehen vom Heimspiel-Abtritt der Hugos gegen Frankfurt, wo Fackeln auf der Werbefläche vor Block I landeten, den letzten Jahren immerhin keine Fackeln oder Böller geworfen worden. Von Leuchtraketen oder Kugelgeschossen ganz zu schweigen.

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3 Antworten to “Ist das der Fußball, den wir lieben?”

  1. Marius 27. Oktober 2013 um 19:27 #

    Danke dafür!

  2. Volker 4. November 2013 um 03:31 #

    Genau das ist der Fußball wie wir ihn lieben, rau und unangepasst,teilweise irrational, in Derbyzeiten auch mal etwas gefährlich, eben kein Hochglanzprodukt für diese von Event zu Event geifernde Gesellschaft mit ihrer heuchlerischen Verurteilungen.
    Zwei Leuchtkugeln die niemanden verletzt haben und eine Rauchbombe in Richtung des eigenen Torwarts geschmissen und eine Welle der Empörung bricht los.
    Zunächst Sondersendungen, Leitartikel, Blogeinträge, Forumsdiskussionen Titelseiten, dann Bestrafungen, Sanktionierungen und Versuche die Fankultur umzustrukturieren.
    In Katar sterben hunderte Menschen, mit Sklavenarbeit werden neue sterile Arenen gebaut, aber euch störts nicht weiter, wenns soweit ist steht ihr dann wieder auf irgendwelchen Partymeilen und schüttet euch zu. Empörung, wozu, es gibt doch noch Bengalos…

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  1. Derby. | unter Flutlicht… - 27. Oktober 2013

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