Die Polizei-Posse hat ein gutes Ende – oder?

14 Sep

Es ist die Polizei-Posse des Spätsommers – und sie findet für mich an diesem Samstag ein gutes Ende, ein richtig gutes Ergebnis sogar. Aber war dafür der ganze Driss wirklich notwendig?

Polizei-Hundertschaften stürmen im CL-Heimspiel gegen Paok Saloniki die Nordkurve, weil sie ein Banner entfernen wollen, das die Gästefans angeblich in besonderem Maße provoziert. Die Gästefans drohen nach Aussage eines griechischen Sicherheitsbeauftragten mit Platzsturm, und statt dieser Drohung, die auch einhergeht mit dem Abbrennen von Pyro, durch eine Blocksperre am Gästeblock Vorschub zu leisten, greift die Polizei die bis zu dem Zeitpunkt friedlichen Schalkefans an, indem sie in voller Einsatz-Kampfmontur mit etwa 150 Mann in den Block vordringt und dabei intensiv Pfefferspray einsetzt.

Ich muss immer noch mit dem Kopf schütteln, wenn ich über diese Einsatzstrategie nachdenke. Wenn sich Polizisten auch nur ansatzweise mit Fanszenen auseinandersetzen und sich für deren Einstellung und Verhalten interessieren würden, wäre ihnen klar gewesen, dass so ein Einsatz mit dem schlichten Ziel, eine rote Fahne aus dem Block zu entfernen, mit einem erheblichen Risiko verbunden ist. Wie unglaublich es vor diesem Hintergrund noch erscheint, dass sie es nicht mal für nötig gehalten hatte, nach dem Abpfiff des Spiels die Abreise der sich in Drohgebärden übenden Gästefans so lange herauszuzögern, bis die Heimfans weitgehend abgezogen sind (das nennt sich Blocksperre des Gästeblocks und ist bei internationalen Spielen üblich – selbst bei solchen, die kein besonderes Gafährdungspotenzial haben), dann unterstreicht das die unglaubliche Unverhältnismäßigkeit.

Eine Posse ist in der folgenden Zeit daraus geworden: Der FC Schalke 04 verurteilte den massiven Polizeieinsatz in seinem Stadion und gegen seine Fans öffentlich noch in der Nacht nach dem Spiel aufs schärfste. Daraufhin schrien die üblichen Polizei-Stimmen (Gewerkschaft, Einsatzleitung) lauthals aus, dass es sich an diesem Abend um ein erhebliches Fehlverhalten der Schalke-Fans und des Vereins gehandelt habe – aber dass durch den Polizeieinsatz 80 Menschen verletzt wurden, die zum Teil einfach nur im Heimblock standen und von Pfefferspray-Schwaden erwischt wurden, oder dass die Polizei besser anders gehandelt hätte, nämlich einfach nur den Gästeblock zu sichern, davon ist von Polizeiseite nichts zu hören gewesen. Wer sich in der Veltins Arena auskennt, der weiß, wie einfach es dort für Sicherheitsleute ist, einen Platzsturm der Gästefans zu verhindern. Der ist aufgrund baulicher Einrichtungen nämlich praktisch unmöglichFehlerkultur bei der Polizei? Nicht erkennbar. Stattdessen beruft man sich darauf, dass der Verein das Einschreiten der Polizei sogar gefordert habe.

Den Gipfel erklomm aber Innenminister Ralf Jäger als oberster Dienstherr der Polizei am Donnerstag, als er im NRW-Landtag sagte, man werde fortan die Spiele des FC Schalke 04 in der Arena nicht mehr von Polizei sichern. Sie sei zwar noch in der Nähe, aber nicht mehr im Stadion und auch nicht im direkten Umfeld. Um die Sicherheit der Zuschauer könne sich der Verein fein selbst kümmern.

Es dauerte genau zwei Tage, da kassierte Jäger diese Idee, die (fast) allerorten nur Kopfschütteln hervorrief, wieder ein. Man habe sich geeinigt, die Polizei werde am Mittwoch im nächsten Heimspiel gegen Bukarest wieder im und am Stadion im Einsatz sein. Allerdings werde man versuchen, das Aufgebot möglichst klein zu halten.

Das Ergebnis am Ende dieser Posse ist wunderbar: weniger Polizei im Stadion. Das ist super, das oder zumindest ein deutlich weniger provokantes Auftreten der Polizisten fordert die aktive Fanszene schon länger. Denn durch ihre erhöhte Präsenz an und in Fußballstadien, Einsätze in voller Kampfmontur und den tendenziell lockereren Umgang beim Einsatz von Pfefferspray in den vergangenen drei, vier Jahren hat sie sich vom eigentlich erwünschten Ziel, für Sicherheit zu sorgen, immer weiter entfernt. Auf wen wirkt schon deeskalierend, wenn er in einem Korridor von voll behelmten und mit „Mehrzweckstöcken“ bewaffneten Polizisten zum Stadion geführt wird?

Ich weiß, dass Fußballfans keine Kinder von Traurigkeit sind. Ich weiß, dass es im Fußball ein Gewaltproblem gibt, das in den vergangenen Jahren gefühlt wieder zugenommen hat, nachdem die 90er- und 00er-Jahre eher ruhig waren. Ich will Gewalt im und rund ums Stadion nicht sehen. Aber ich weiß auch, dass die Polizei-Strategie der letzten Jahre falsch war. Und dass es ein Unding ist, dass sich Polizisten nach außen immer als unfehlbar präsentieren müssen.

Nun machen wir einen Strich drunter: Die Irrungen der vergangenen Wochen waren wirklich wundersam. Aber die Verletzten, zwei Polizisten und etwa 80 Fans, haben sich hoffentlich inzwischen wieder erholt. Die Griechen sind ohne Platzsturm heimgereist. Seine Kinder kann man nach diesem Vorfall, der so sicher nicht noch mal passieren wird, wieder mit in die Nordkurve nehmen. Innenminister Jäger hat seine irre Idee wieder einkassiert. Und die Polizei wird sich mit dem Verein eng abstimmen und hoffentlich wirklich weniger präsent sein. Vielleicht lernen Einsatzkräfte und Einsatzleiter in den kommenden Monaten noch ein bisschen was darüber, was Deeskalation bedeutet und wie man mit Fans vernünftig umgeht. Und dann wird alles gut. Fehlt nur noch, dass Fans der Gewalt abschwören.

Heute ist ein Tag, an dem ich einfach mal an all das glaube.

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