Lernen von Walter – ein Beitrag zur Gewaltdebatte im deutschen Fußball

25 Okt

Foto

Geh??rt Gewalt zum Fu??ball dazu? Wenn man das Spiel Arsenal gegen Schalke als Grundlage zur Beantwortung dieser Frage nimmt, dann kann man sagen: N??. In England waren die 60.000 Fans im Stadion von Gewaltaus??bung so weit entfernt wie das Gehalt eines Kumpels von dem von Klaas Jan Huntelaar. Gewalt war dort auch ehrlich gesagt nicht zu erwarten, denn bei diesen internationalen Ausw??rtsreisen sind trotz der Anwesenheit zahlreicher Allesfahrer-Ultras die Fans der Kategorie C (und B) nie dabei (was unterstreicht: Ultra hei??t nicht gleichzeitig Gewaltt??ter). Dennoch ist mir die Beobachtung eines „Stewards“, sprich Ordners, namens Walter (siehe Foto) einen Blogeintrag wert. Weil Walter ein Vorbild ist und jeder deutsche Polizist, jeder deutsche Ordner einmal Anschauungsunterricht bei Walter nehmen m??sste. Wir h??tten im Handumdrehen weniger Probleme.

Was hat Walter getan? Walter hatte die eigentlich gef??hlt undankbare Aufgabe, mitten im G??steblock, in den unteren zehn Reihen, da, wo die lautst??rksten und unb??ndigsten Supporter stehen, nach dem Rechten zu sehn: dass das Rauchverbot eingehalten wird, die Leute nicht auf die St??hle steigen und dass der Treppenaufgang immer sch??n frei bleibt. Das ist eine l??stige Angelegenheit, denn wenn unten die Reihen voll sind, dann steht eben auch schon mal jemand im Gang. Und rauchende Fu??ballfans gibt es auch so eins, zwei. Walter l??ste diese Aufgabe mit unglaublich viel Charme. Er tickte einen zwar wiederholt an, zwinkerte und deutete einem mit einem Kopfnicken, zwei Schritte nach links in die Reihe zu r??cken. Aber das nervte nicht. Denn er hatte immer ein Sp????chen auf den Lippen und nahm seine Aufgabe nicht so bitterernst. Wenn die Fans sich einhakten, um den FC-Schalke-Walzer zu tanzen, dann lie?? er sich mitschunkeln und murmelte die Melodie mit. Wenn die Fans die Schalparade machten, kn??pfte er sich die Fake-Steckkrawatte vom Kragen und reckte sie mit hoch. Er l??chelte viel, flachste mit uns, blieb dabei aber zur??ckhaltend und war von einem Clown weit entfernt. Er zeigte einfach Respekt vor dem, was wir als Fans an albernen Dingen tun. Interessant: Innerhalb der 90 Minuten erarbeitete er sich ein Standing. Wenn er jemandem deutet, die F????e vom Sitz zu nehmen, dann konnte derjenige ihm den Gefallen kaum abstreiten. Das klingt total nach heile Welt und w??re bei einer strittigen Niederlage vielleicht anders ausgefallen, aber es war ein Erfolgsrezept.

Ich habe ihm nach dem Spiel von den Derbykrawallen erz??hlt (Man hatte auf der Insel davon geh??rt, sagte er) und ihn gelobt. Wenn alle Ordner und Polizisten in Deutschland so gelassen und respektvoll mit Fans umgingen, h??tten wir weitaus weniger Probleme. Ich fragte ihn, ob er den Auftrag erhalten habe, sich so zu verhalten. Er sagte: „Nein, so arbeite ich immer. Egal ob West Ham oder Tottenham hier spielt, es funktioniert immer. Ich habe Spa??, so mit den Leuten ins Gespr??ch zu kommen. Viel besser, als immer nur mit Anweisungen zu Nerven.“ Das lehre ihn die Erfahrung im G??steblock. Interesse an den Fans. Verst??ndnis f??r ihr Verhalten. Entgegenkommen, Gespr??che – das ist es, was dem Sicherheitskonzept in Deutschland fehlt. Lieber DFB, liebe Polizei: Schult eure Leute im Umgang mit uns! Schickt sie zur Lehrstunde in den G??steblock von Arsenal. Wir brauchen mehr Walters!

(So, jetzt mache ich mir einen Yogi-Tee, lege einen weiteren Scheit in den Kamin, setze mich zum Yoga vors knisternde Feuer und h??re eine meiner Lieblings-CDs: „Wellenrauschen“ oder „Kl??nge des Waldes“.)

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2 Antworten to “Lernen von Walter – ein Beitrag zur Gewaltdebatte im deutschen Fußball”

  1. Thomas Jansen 26. Oktober 2012 um 07:34 #

    Tolle Geschichte. Und die Polizei da tickt auch nicht anders. Beim Spiel 2001 in Arsenal hat ein hoher Oficer gefragt, warum wir denn so fr??h am Stadion sind. Unsere Erkl??rung, das wir das in Deutschland so gewohnt sind nahm er zum Anlass sich zu k??mmern, dass die Stadiontore f??r uns ge??ffnet wurde. Das stelle man sich hier vor, ein Polizist der zuh??rt und auch noch mitdenkt und handelt. Bei Chelsea hatten wir einen Polizisten neben uns sitzen, so wie Du den Walter jetzt. Der war auch klasse, der wollte immer alle Lieder ??bersetzt haben und hatte richtig Spa??. Als dann nach dem Spiel irgendwann die Tore f??r uns ge??ffnet wurden und der Gesang kam "Wir ham bezahlt, wir bleiben hier…" – da hat er sich nicht mehr einbekommen. Und trotzdem hat jeder auf ihn geh??rt (Rauchen, auf Sitze steigen usw.).Ich denke, da kann man was aus England lernen – wenn auch sonst der Fu??ball dort nicht mehr das ist was er mal war.

  2. weckenbrock 29. Oktober 2012 um 13:07 #

    Der Kollege Markus vom "Schalker Megafon" hat ??hnliche Beobachtungen gemacht: http://schalker-megafon.de/?p=1098#comment-1544

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