Reise nach Kharkiv – das Drumherum

14 Jun

Unsere Reise nach Kharkiv hatte (mindestens) zwei Facetten. Darum gibt es in der Retrospektive auch zwei Blogposts dazu. Hier der Teil, der sich mit den Umständen am Rande auseinandersetzt: über Russland, Fegen, Beerenverkäufer und unser Pech mit der Panne.

 

Pannenpech:

Man soll ja Ratschläge anderer oder Dinge, die man liest, durchaus ab und an befolgen. Weil wir das nicht taten, verloren wir auf der Rückfahrt etwa acht Stunden Zeit. Wir hatten eine Panne. Aber der Reihe nach: Auf der Hinfahrt wunderten wir uns über die Qualität der Straße, und zwar im positiven Sinne. Es gab quasi eine Autobahn (auf der man auch mal Fußgänger antraf), die vor allem zwischen Lwiw und Kiew einen guten Asphalt und fast durchgehend zwei Fahrstreifen in beide Richtungen hat. Deutsches Straßenniveau, nur mit weniger Verkehr. Klasse. Ähnlich auf den nächsten 400 km von Kiew nach Kharkiv, wobei hier noch die letzten Bauarbeiten auf einigen Straßenabschnitten liefen. Wir wunderten uns: Zuvor hatten wir gelesen, man solle wegen der Schlaglochpisten und mieser Markierung bloß nicht nachts fahren. Und außerdem: „Die 1000 km in eins durch? Verrückt!“ Auf den letzten 200 km wurde es in der Tat etwas ruppiger, aber die Tour endete um 4 Uhr morgens nach 17 Stunden Fahrt ohne Probleme. Der frühen Stunde wegen hatten wir noch einen großen Vorteil: Wir konnten direkt vors Stadion vorfahren, abgesperrt wurde hier erst am Vormittag. Das Stadion lag zwischen vierzehnstöckigen Plattenbauten mitten in einer Wohnsiedlung.

Weil alles prima war, entschieden wir uns dazu, nach dem Spiel nur die Abreisestaus abzuwarten und dann gegen 2 Uhr loszufahren. So taten wir es auch, fuhren im Dunkeln los und ratterten nach ca. 20 km mitten durch ein tiefes Schlagloch im Asphalt. Das konnte unser Wohnmobil nicht leiden – es versagte seinen Dienst. Motor ging aus, Warnblinker an. Wir blieben stehen und befürchteten Reifenschaden, Achsbruch oder ähnlich fiese Dinge. Doch beim Anblick das Autos von außen war nix zu sehen. Nur anlassen, das ging nicht mehr. Die Karre orgelte munter vor sich hin. Was nun?

Ukrainische Passanten hielten an, boten ihre Hilfe an. Tommy, der beruflich mit Autos zu tun hat, schaute sich diverse mögliche Fehlerquellen nach. Wir riefen den Pannenversicherer in Deutschland an, der um 1.30 Uhr deutscher Zeit versprach, dass um 6 Uhr ukrainischer Zeit ein Koordinator aus der Ukraine uns anrufen und Hilfe organisieren würde.

Wir suchten selbst weiter. Und weil Tommy sich auskennt, kam er zu dem Schluss, dass das Problem in der Elektronik zu finden sein müsste. Wegfahrsperre schien schlüssig, oder ein sogenannter Crash-Sensor, der bei einem Unfall auslöst, die Einspritzpumpe und andere sicherheitsrelevante Dinge abschaltet. Es verfestigte sich die Diagnose: Das Auto dachte durch den schweren Stoß, es habe einen Unfall gehabt. Und diesen Gedanken mussten wir ihm austreiben. Nur wie?

Letztlich half uns am morgen der Anruf bei einem Mechatroniker-Kollegen von Tommy, der für Fiat (Herstellet des Wohnmobils) arbeitet. Er fand für uns heraus, wie man diesen Crash-Sensor resettet. Das klappte auch, allerdings war es inzwischen 9.45 Uhr. Und durch das Dauerblinken des Warnblinkers hatte sich die Batterie entladen. Anlässen unmöglich. Und der Pannendienst hatte sich noch immer nicht gemeldet.

Am Ende half uns ein Einheimischer: Überbrücken scheiterte, aber schleppen und bei schleifender Kupplung anleiern, das ging. Jubel! Die Karre brummte wieder. Es war 11 Uhr. Wir rollten los. Jetzt noch 17 Stunden…

 

Was man auf der Fahrt sieht:

Alle 500 m eine Tankstelle. Ehrlich, so kommt einem das vor. Das Tankstellennetz ist weit überdimensioniert.

Beerenverkäufer am Straßenrand. Sie hocken dort an Kreuzungen auf Baumstümpfen oder Klappstühlen und verkaufen irgendwelche Dinge. Reisigbeesen, getrocknete (Lorbeer-?) Zweige, eingemachte Beeren, frische Erdbeeren. Oft an einzelnen Straßenabschitten in der Nähe von Dörfern zehn Verkäufer auf 50 Metern, alte Frauen oder Kinder, die vier Gläser vor sich stehen haben. Ich fragte mich: Warum schließt ihr euch nicht zu einer Verkaufsgemeinschaft zusammen? Heute verkauft der eine für alle, morgen der nächste – in alle anderen arbeiten in der Zeit anderweitig.

Es scheint aber bei aller Armut so, als gäbe es nicht genug Arbeit für alle. Bauern hüten am Straßenrand ihre eine Milchkuh beim Fressen. Tankstellenwärter fegen den Staub vom Pflaster der Tankstelle. Polizisten fahren dauernd in derselben Schleife Streife und überprüfen einfach mal so die Personalien des Autofahrers, der sich nix zu schulden kommen ließ.

 

Kharkiv ist quasi Russland:

Hier in der Ostukraine ist die Nähe zu Russland spürbar. Hier wird russisch gesprochen, man sagte eher Kharkov als kiv. Man wählt eher staatsmachtstreu als demokratisch. Und man lässt die Lenin-Statue aus Sowjetzeiten im Stadtzentrum am zentralen Platz (der zurzeit Fanzone in Oranjehand ist) weiter mahnen und wachen. Dagegen ist die Stadt Lwiw allein schon dem Gefühl nach eine westwärts gewandte Demokratie. Dort sprechen viele Menschen polnisch, und das für uns so östlich wirkende Polen ist für die so orientierten Ukrainer das Tor zum Westen.

Es klingt vielleicht blöd. Aber allein dieser Erfahrungen wegen war Kharkiv eine Reise wert. Man lernte eine andere Facette des Gastgeberlandes kennen, von dem man nach wie vor sagen kann: Die Menschen hier haben genau so ein Turnier mal gebraucht. Sie sind stolz, freundlich und hilfsbereit und müssen sich dieser Tage Menschen aus Europa vor ihrer Haustüre widmen. Das trifft auf Jung und Alt zu – und viele meistern diese Herausforderung mit Freude.

 

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