So war die Euro 2008 – Teil II: Die Ticket-Odyssee

13 Mai

Die Europameisterschaft 2008 in Österreich (und der Schweiz) war für mich das Debüt bei einem der großen Turnier außerhalb unseres Landes. Die besten Erlebnisse der Tour gibt es jetzt hier in einer Serie. Heute Teil II: die Ticket-Odyssee.

Es war ja schon verrückt: Wir wollten unbedingt zur EM 2008, machten alle möglichen Vorverkaufsphasen von DFB und Uefa mit, bestellten sogar im Namen unserer Mütter und Geschwister – aber gingen leer aus. Kein einziges Ticket bekamen wir, dabei hatten wir schon so viel Mühe und Zeit investiert. Was für ein Ärger! Der Entschluss stand für uns aber eigentlich seit über einem Jahr fest: Wir fahren. Und wir fahren auch ohne Eintrittskarten, wenn es sein muss.

So setzten wir uns also zu sechst ticketlos in das Wohnmobil und düsten runter, über die Alpen bis ins südliche Kärnten. Natürlich wollten wir uns nicht kampflos geschlagen geben – wir waren nun halt da und wollten nun auch unbedingt ins Stadion. Darum sahen wir uns am Tag nach der Ankunft zunächst mal am EM-Stadion von Klagenfurt um, das etwas außerhalb gelegen, einer etwas weiteren Anfahrt bedurfte. Obwohl es also auf unserem Campingplatz eigentlich wunderbar war und wir dort alles hatten, was wir brauchten: Wir mussten Tickets finden. Am Stadion fanden wir, obwohl überhaupt kein Spiel anstand, auch in der Tat eins, zwei windige Menschen, die Karten verkaufen wollten. Aber die riefen einen unausstehlichen Preis auf und erweckten keinen allzu seriösen Eindruck. Nee nee, nicht mit uns. 

Am Abend schauten wir uns erstmals in diesem Klagenfurter EM-Park in der Nähe unseres Campingplatzes um – und dort nahm die ganze Ticket-Geschichte ihren guten Lauf. Wir trafen Reiner Calmund – richtig, DEN Reiner Calmund. Der war nämlich EM-Botschafter der Stadt Klagenfurt und als solcher an einem Ü-Wagen des ORF mitten in diesem Park Interviewgast. Wir sahen ihn an diesem Ü-Wagen mit einer hübschen ORF-Hörfunk-Redakteurin und sprachen ihn an. „Calli, dich hier zu sehen, mensch“, so war in etwa unsere Ansprache (genau erinnere ich mich nicht mehr an den Wortlaut). Jedenfalls kamen wir kurz ins Gespräch, stellten uns als sechs Jungs aus dem Münsterland vor und erzählten dem kleinen, aber breiten Mann aus Leverkusen, dass wir den weiten Weg ohne ein einziges Ticket angetreten hatten. Er gab uns den entscheidenden Tipp: Leute, geht dort und dort hin, in die Stadt, da ist ein Büro des DFB, da gibt es vielleicht noch ein paar Rückläufer, da bekommt ihr bestimmt noch was.

Wir waren in der Tat Feuer und Flamme und hatten auch noch einen Tag Zeit bis zum ersten Spiel unserer Mannschaft. Also machte sich ein kleiner Trupp von uns am Folgetag in die Innenstadt auf, um nach diesem Büro zu suchen. Wir fanden es dort nicht – aber wir bekamen die Info, wo wir es finden würden. Nicht in der Innenstadt, sondern ein bisschen außerhalb in einem Bürogebäude an einer der Hauptstraßen.

Wir fuhren schnell (mit dem Bus) hin – und sahen, dass das Büro geschlossen war. Vor Ort erfuhren wir: Am nächsten Tag, am Spieltag selbst, würde der Laden noch mal die Türen öffnen. Morgens um 9 Uhr.

Also verbrachten wir den Abend extrem angespannt bei Bierchen am Wohnmobil, gingen noch ins Zelt und warteten auf den nächsten Tag. Tja, früh morgens um 7 Uhr ging es los für zwei von uns. Zum Büro an dieser Hauptstraße zwischen Klagenfurt City und Wörthersee. Wir waren die ersten an der Hauseingangstür, setzten uns ne Stunde auf unseren Hintern, sahen noch zwei, drei andere Grüppchen von Fans kommen, warteten weiter, es wurde voller – und um 8.30 Uhr war Einlass in den Wartebereich. Wir saßen vorne, gut so. Wir kamen auch in der Tat nach Büroöffnung als erste an die Reihe und konnten dort vortragen, dass wir auf der Suche nach Karten seien. Sechs bräuchten wir, für heute noch, fürs Polenspiel. „Sorry, zurzeit gibt es noch keine Karten – aber es könnte sein, dass da noch was passiert. Ihr seid relativ weit vorne auf meiner Warteliste. Bis 12 Uhr sind wir hier…“

Das hieß für uns: warten. Während wir also auf dem Flur saßen, liefen uns ein paar bekannte Gesichter über den Weg. Manuel Neuer zum Beispiel, der heute beste Torwart der Welt, damals aber noch nicht im Kader der A-Nationalmannschaft, sondern bei der U21. Neuer lief mit ein paar Freunden an uns vorbei; die wollten wohl ihre VIP-Tickets abholen…

Wir hörten uns das Gemurmel anderer wartender Fans an. Die diskutierten, ob sie nun gehen sollten oder nicht; ob sie warten sollten; es gebe ja eh keine Karten mehr. Eine Gruppe, die schon am Vortag im Büro gewesen war, lief relativ schnurstracks durch ins Büro und kam mit Karten wieder raus. Gibt es also doch noch Tickets? Und wenn ja: Warum bekommen die jetzt welche und wir nicht? Nun ja, sie waren halt schon einen Tag vor uns da gewesen… 

Wir warteten, sahen Gruppen und Einzelpersonen ein und ausgehen – und um kurz vor 11 Uhr bat uns jemand herein. „Um 11 Uhr schließe ich hier die Liste der Abholer. Wenn bis dahin X und Y nicht kommen, bekommt ihr sechs Karten.“ Noch ein paar Minuten bangen. Gedanken: Bekommen wir jetzt hier tatsächlich Karten für das Spiel heute Abend gegen Polen?! Hochspannung, ich sage es euch. Wir konnten es kaum abwarten. Kam jemand die Treppe rauf, spielten wir mit dem Gedanken, ihn abzugrätschen auf dem Weg ins Büro. Sch***, da ist der Abholer… Und wir haben umsonst gewartet…

Um 11.10 Uhr war das mit dem Bangen vorbei: Wir durften wieder rein ins Büro, noch vor der Gruppe neben uns, mussten eine EC-Karte rausrücken und bekamen sechs Karten.

 

Tja, ihr könnt euch vorstellen, warum wir zur EM 2012 wieder wie verrückt bestellt haben. Diesmal kam es anders als vor vier Jahren: Wir haben Karten. Für alle Spiele mit deutscher Beteiligung. Und ein bisschen Überschuss, den wir nun zu fairen Konditionen weiterverkaufen wollen. Am liebsten an ehrliche Fans, die auch morgens um 7 Uhr in einer Schlange stehen würden, um noch an Karten zu kommen. Wer Interesse hat, kann sich bei mir melden. 

 

 

 

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