Die sonderbarste Spielzeit meines Schalke-Lebens

28 Mai

Finales04-kurve

(Foto: @finaleS04)

Der FC Schalke 04 hat zum fünften Mal den DFB-Vereinspokal gewonnen. Damit steht ein weiterer Pott in unserer Vereinsvitrine, er kehrt nach 2002 nach Gelsenkirchen zurück. Dass das ein wunderbares Ende der Saison war, ist klar. Es impliziert aber noch nicht, warum es die sonderbarste Saison war, seitdem ich dem FC Schalke 04 anhänge. Und es erklärt nicht, warum ich mich freue, dass jetzt Sommerpause ist.

Die Erklärung für dieses Gefühl einer gewissen Erleichterung ist relativ klar: Die vergangenen Wochen, vor allem die im Saison-Endspurt, waren anstrengend. Sie waren zum Teil höchst erfreulich, denke man nur an das Pokal-Halbfinale in München oder das Champions-League-Viertelfinale gegen Inter Mailand. Diese Erfolge, diese Spiele zusammen mit dem Pokalendspiel sind Momente, die eine ganze Meisterschaftssaison überlagern können. Und doch: Das verkorkste Auftreten in der Liga war kaum zu verkraften. Denn das Bundesliga-Geschehen ist Brot-, Butter und Alltagsgeschäft.

53 Spiele hat Schalke 04 seit der Sommerpause 2010 bestritten. So viele wie nie in einer Saison – mit einer Ausnahme: 2004/2005 war es noch eines mehr. 34 der 53 Partien waren Bundesliga-Spiele, das sind zwei Drittel. Und am Ende der Spielzeit steht in der Bundesliga ein fast katastrophales Ergebnis: Schalke hat gerade vier Punkte Vorsprung vor dem ersten der drei Abstiegsränge, hat 40 Zähler, elf Siegen stehen 16 Niederlagen gegenüber. Schlechter waren wir nicht einmal 1997, als wir mit dem UEFA-Cup-Triumph eine Saison abschlossen, in der die Bundesliga für uns überhaupt keine Relevanz mehr hatte. Damals war Schalke Zwölfter. Aber mit ganz anderen Voraussetzungen: mit einem Kader ohne große Stars, mit einem Team, das sich sensationell durch Europa ackerte.

Stark waren auch diesmal die Auftritte auf der europäischen Bühne. Aber wir hatten die bei weitem renommiertere Mannschaft im Vergleich zu 1996/97, um diese Leistungen zu ermöglichen: Spieler wie Raul, Huntelaar, Jurado, Neuer gehörten zum Team – Spieler von internationaler Klasse oder (ehemaliger) Weltklasse.

Nicht nur die nackten Zahlen in der Liga enttäuschten, auch das Auftreten: Die Mannschaft hat spielerisch starke Leute im Kader, die Leistungen stimmten damit rein gar nicht überein. Es schien so, als seien die Wochenenden nur lästige Pflichttermine für viele Spieler, als trainiere man nur für die Spiele, wo die halbe Fußballwelt zusieht. Das ist nur gut gegangen, ohne dass die blau-weiße Fanwelt explodiert, weil international und im Pokal die Ergebnisse und oft auch die Leistungen stimmten.

Dann war da noch das Drumherum, das einen heute noch nachdenklich stimmt: Trainer und Manager Felix Magath lebte in einer eigenen Parallelwelt und verlor dabei das Gefühl dafür, dass er mit Menschen zusammenarbeitet und nicht mit Maschinen, die genauso ticken, wie er sich das vorstellt. Das gilt für Spieler; Spieler, die er selbst vor zwei Jahren erst groß hat werden lassen, die er nun niedermachte und die seitdem entweder außer Fassung sind oder ganz von der Bildfläche verschwunden. Er stieß Menschen, langjährige Mitarbeiter des Vereins vor den Kopf, indem er erst gar nicht mit ihnen kommunizierte. Er setzte ihnen einfach einen eigenen Mitarbeiter-Stab vor. Einen Stab, der nur auf Schalke arbeitete, weil Magath dort arbeitete. Menschen, die so funktionieren, wie Magath es will, weil sie dem Herrscher bedingungslos folgen, ohne ihn zu hinterfragen. Unser ehemaliger Pressesprecher Rolf Dittrich ist nur ein, aber vielleicht das Beispiel: Er arbeitete offensichtlich gar nicht richtig für Schalke 04, sondern maximal am Rande für Schalke 04 und in erster Linie als PR-Berater für Felix Magath – zumindest in der Außenwirkung kam es so herüber (blendendes Beispiel: die Facebook-Fanpage von Felix Magath). Und dann waren da noch des Managers Spielerverpflichtungen. Er kaufte Neuling um Neuling um Neuling – und dass er am Ende mitten in der Spielzeit Ali Karimi holte, war der Gipfel des ganzen. Heute zählen Spieler wie Deac, Plestan, Avelar, Charisteas, Sarpei … auf unserer Pay-Roll – viele davon sind ihren Qualitätsnachweis schuldig geblieben. Ach ja, und da waren ja auch noch die anderen, die eh schon da waren…

Irre vor dem Hintergrund dessen, was Magath in der Vorsaison getan hatte: Er holte junge Spieler, scharte sie um sich, trainierte hart mit ihnen, aber vertraute ihrem Können. Damit stürmte er mit dem Verein durch die Liga und eroberte Abschlussrang zwei – eine Sensation.

Im letzten Drittel der just abgelaufenen Saison wurde es unserem Aufsichtsrat irgendwann zu bunt – man sprach von einem Schlüsselerlebnis mit Magath. Es hat wohl mit der Demontage eines jungen Spielers zu tun. Daraufhin bäumte sich der Rest der Mannschaft auf und trat an den Oberchef Clemens Tönnies heran, um auf das in diesem Falle gesundheitsschädliche und unmenschliche Verhalten Magaths hinzuweisen. Magath ging, wohl ohne finanziellen Verlust des FC Schalke 04, weil der VfL Wolfsburg und sein potenter Geldgeber VW die Abfindung übernahm.

Ralf Rangnicks schnelle Verpflichtung war wie eine Erlösung. Klar erlöst das die Spieler, wenn der diktatorische Trainer mit seinen Medizinbällen geht und ein menschlicher Trainer kommt, dessen Trainingsmethoden bei weitem nicht so hart sind. Einer, der nach einem Sieg auf dem Platz die Spieler abklatscht, ihnen gratuliert, der auf Fehler nach einer Niederlage hinweist, aber dies nicht in demontierender Weise tut, sondern in sachlich kritischer Form mit motivierendem Charakter.

Eine sonderbare Saison mit vielen Wirren, viel Wirbel und Leistungsschwankungen einer ganzen Mannschaft. Es ging von Weltklasse bis zu fehlender Erstklassigkeit. Und dann, und dann war da noch unser lieber Manuel Neuer, der sagte, er sei durch und durch Schalker, wolle sich aber mal nach einem anderen Arbeitgeber umsehen. Es ist nicht verwunderlich, dass das für Aufregung in der Anhängerschaft sorgt. Aber es ist bemerkenswert – und ich heiße es nach wie vor nicht gut, dass es dazu führt, dass Manu in Berlin den Pokal nicht allein in der Fankurve stemmte, sondern zum eigenen Schutze zusammen mit Publikumsliebling Raul.

Was bleibt? Es ist ja immer so, dass die positiven Dinge in Erinnerungen bleiben und das miese vom Gedächtnis verdrängt wird. Wenn das wirklich so ist, dann können wir uns bald an den Erinnungen an Berlin und Mailand ergötzen, ohne Platz 14 im Hinterkopf. Jetzt hoffe ich nur noch, dass in der kommenden Saison wieder die magischen Momente dominieren – und ganz am Rande, dass wir Christoph Moritz bald wieder auf dem Spielfeld sehen…

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2 Antworten to “Die sonderbarste Spielzeit meines Schalke-Lebens”

  1. Matthias 30. Mai 2011 um 21:37 #

    Eine feine, treffende Zusammenfassung, die bei mir zwei Fragezeichen zur??ckl??sst. 1) Wie kommst du auf 53 Spiele? Z??hlst du den Supercup als offizielles Pflichtspiel mit? 2) Dass eine Demontage eines jungen Spielers zu Magaths Demission f??hrte, lese ich hier zum ersten Mal. Das ist wohl vollst??ndig an mir vorbeigelaufen. Lese ich recht zwischen den Zeilen, dass du Christoph Moritz meinst?

  2. Anonymous 31. Mai 2011 um 18:14 #

    ad 1) Ja, mitgez??hlt. Quelle der Vergleichszahlen war weltfussball.de. (Gut, sonderlich verl??sslich ist die Quelle vielleicht nicht, aber ich habe mich in diesem unbrisanten Fall einfach darauf verlassen.)ad 2) Ich habe die Geschichte aus internen, gut informierten Kreisen geh??rt, kann aber auch da nicht Ross und Reiter nennen und habe es deshalb etwas vorsichtig und um die Ecke formuliert. Die Story klingt f??r mich absolut nachvollziehbar, erkl??rt endlich, warum der liebe Moritz so mir nichts, dir nichts abgetaucht ist – und wenn es so ist tut es mir sehr leid f??r Christoph und macht mich stinkew??tend auf Magath.

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