Warum ich Angst vor dem Abschied von Manuel Neuer habe

21 Apr

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Seit gestern ist die Katze aus dem Sack: Manuel Neuer verlässt unseren Club. Manuel Neuer verlässt aber auch seinen Club. Er ist Gelsenkirchener und ein mindestens so großer Teil seines Herzens ist blau-weiß wie in meinem. Manuel Neuer hatte jetzt ein Problem – er ist zwiegespalten in den Fan und den Profi. Nun hat erst einmal der Profi gewonnen. Und ich habe Angst vor Manuels Abschied.

Angst würde ich es verbunden mit dem sportlichen Gedanken nicht nennen. Sportlich löst Manus Abschied bei mir nur ein leichtes Unbehagen aus: Manuel Neuers Wechsel zu einem anderen Verein schwächt den FC Schalke 04 beträchtlich. Es gab und gibt keine Position in den vergangenen fünf, sechs Jahren, über die man sich weniger Sorgen machen musste als die in unserem Tor. Natürlich hat Manu Fehler gemacht, aber seine Fehlerquote basierte auch auf einem risikoreichen Spiel und seiner Jugendlichkeit. Das verzeiht man ihm, zumal auf der anderen Seite grandiose Rettungstaten stehen. Und sogar deutlich mehr als Fehler.

 Angst ist es auch nicht vor dem Hintergrund, dass er wahrscheinlich zu Bayern München geht und dort eine Mannschaft verstärkt, die gerade hinten immer wieder Probleme hat. Das ist sicherlich eine Garantie für weitere Titel in den kommenden Jahren für den Verein, der nach der Kahn-Dynastie auf der Torhüter-Position nicht mehr die Klasse hatte, die ihm eigentlich gerecht wird.

 Angst habe ich vor der Reaktion der Schalke-Fans im Stadion. Denn die sind unberechenbar, was in diesem Falle ganz übel enden kann. Sie haben Manuel Neuer geliebt, zumindest bis gestern. Denn er ist einer aus der Kurve, einer aus der „Buerschenschaft“, einer, der auf Kohle geboren wurde, einer von ihnen, einer von uns. Und nun? Wie gehen die Fans mit ihm um, wenn er nicht mehr das blau-weiße S04 auf der Brust trägt?

Vor der Antwort dieser Frage habe ich Angst. Berechtigte Angst, denn sie basiert auf dem, was in einem anderen Fall geschehen ist: im Fall Jens Lehmann. Jens Lehmann wurde bei uns im Verein groß. Er begann mit einer dicken Packung, einem 1:6 bei Bayer Leverkusen und einem individuell geplanten Heimweg in der Straßenbahn. Er wuchs mit Schalke, qualifizierte sich mit der Elf sensationell für den UEFA-Cup und trat dort mit den Eurofightern den Ritt in den Olymp an. Nicht als Mitläufer, sondern an entscheidender Stelle trug er zum glorreichen Triumph von Mailand bei. Ohne seinen gehaltenen Elfer gegen Ivan Zamorano und den Psycho-Trick gegen Aaron Winter („I keep standing in the middle“) wäre Schalke nicht UEFA-Cup-Sieger geworden. Und diese beiden in diesem Spiel waren bei weitem nicht seine einzigen großen Taten (Er köpfte u.a. einst den 2:2-Ausgleich für Schalke bei Borussia Dortmund in der Nachspielzeit.). Bei uns stieg Lehmann zum Nationalelf-Torwart auf, der nur in Olli Kahn einen noch eine Spur besseren Widersacher fand.

Dann verließ er Schalke, ging über den Umweg AC Mailand zu Borussia Dortmund – und was war in den vergangenen Jahren, wenn er auf Schalke antrat? Er wurde mit Schmähgesängen überzogen wie der größte Feind. Dabei hat er so viel für unseren Verein getan. Es tat mir immer weh, im Stadion in der Masse derer unterzugehen, die ihn auspfeifen, als Arschloch, Judas und Hurensohn beschimpfen und dabei auf der Seele des FC Schalke 04 der Neuzeit herumtrampeln. Dafür habe ich mich geschämt, ich schäme mich dafür auch noch heute.

 

Ist Manuel Neuer jetzt der nächste?

 Manu hat ein Problem: Er ist in zwei Hälften geteilt. Die eine Hälfte ist durch und durch Schalker – als Fan. Die andere Hälfte kann gut Fußball spielen und verdient damit das Geld – als Profi. Nun stand er vor der Entscheidung, welche Seite ihm mehr Gewicht gibt. Das Herz oder der Verstand? Was sollte er beruflich machen? Bleibt er immer in Gelsenkirchen wohnen und spielt für den Verein, den er seit 20 Jahren tagein, tagaus sieht? Wo er jede Dreckecke neben dem Vereinsheim auswendig kennt? Oder geht er beruflich dorthin, wo er mehr Geld verdient, wo er besser wohnen kann, wo er international herum kommt, wo er noch weitaus bessere sportliche Bedingungen vorfindet als bei uns – und wo er noch nicht alles kennt? Er hat sich für die neue Erfahrung entschieden. Wer will einem Manuel Neuer das zum Vorwurf machen?

Ich selbst komme aus Rheine. Ich habe in Athen, auf Chios, in Dortmund gewohnt, ich wohne jetzt in Münster – und das, obwohl ich als Kind immer dachte: Rheine ist ein Traum, da willst du nie weg. Ich habe beruflich die Chance bekommen, wegzugehen und habe sie ergriffen. Rheine finde ich bis heute schön und komme immer wieder gerne zurück in die Heimatstadt. Aber ich bereue mittlerweile nicht, dass ich mal woanders gelebt und was anderes gesehen habe. Das bedeutet beileibe nicht, dass ich irgendwann wieder zurückgehe nach Rheine und mir mein Häuschen vielleicht mal dort baue.

Ähnlich wird es dem Menschen Manuel Neuer gehen: Er hatte die Option, mit 25 Jahren einen neuen Vierjahresvertrag auf Schalke zu unterschreiben. Aber er ist begehrt und hatte auch die Chance, bei einem größeren Verein mit größeren Ambitionen in einer schöneren Stadt mehr Geld zu verdienen. Warum sollte er die Chance nicht wahrnehmen? Bloß, weil s
ein Herz eigentlich aus Stahl ist und für Schalke schlägt? Er wäre nach den vier Jahren an die 30 Jahre alt und würde sich dann vermutlich grämen, die Chance nicht genutzt zu haben. Vielleicht geht es jetzt anders herum: Er geht nach München und kehrt als 33-jähriger, gestandener Mann nach Gelsenkirchen zurück, um dann wieder für den Verein seines Herzens zu spielen. Warum nicht?

Es gibt solche, die ihn nun mit Senor Raul vergleichen: Der hat ja auch sein ganzes Leben lang bei Real Madrid gespielt und ist dann, am Ende seiner Karriere, als es für Real nicht mehr ganz reichte, nicht zu Barca oder Atletico Madrid gegangen, sondern ins Ausland. Aber die Ausgangspositionen sind verschieden: Raul hatte bei Real immer alles, es gibt auf der Welt keinen größeren Club als Real – und Madrid ist die Hauptstadt Spaniens. Wohin soll man sich da noch positiv verändern? Mit Verlaub, aber von diesen Voraussetzungen sind Schalke 04 und Gelsenkirchen weit entfernt.

 Der Mensch Manuel Neuer hat sich in diesem Zwiespalt für den Profi in sich entschieden. Er hat sich für die neue Erfahrung entschieden, statt immer dort zu bleiben, wo er herkommt. Damit hat er sich die Chance auf sein eigenes Denkmal verbaut, das man ihm auf Schalke gesetzt hätte, wenn er bis zum Karriere-Ende bei uns geblieben wäre. (Vermutlich wäre es größer geworden als das von Ernst Kuzorra.) Das ist eine Entscheidung für den Profi, aber keine Entscheidung gegen sein Herz; denn das bleibt in der Heimat, auf Schalke.

Das ist auch keine Entscheidung gegen uns – aber ich habe Angst, dass das so recht keiner wahrhaben will. Ich hoffe, dass am Karsamstag der Stolz auf diesen, unseren Jungen gewinnt und nicht die blinde böse Fratze der Wut und des Hasses.

 

Andere Ansichten und Perspektiven:

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3 Antworten to “Warum ich Angst vor dem Abschied von Manuel Neuer habe”

  1. Christian 21. April 2011 um 16:52 #

    Ich muss ganz ehrlich sagen, dein Beitrag klingt partiell komisch undl????t mich auch etwas ratlos zur??ck.Der Punkt ist, wie definiert man "offen und ehrlich" ein Satz der in denletzten Tagen h??ufiger gefallen ist. Was Herr Neuer macht ist eher nicht"offen und ehrlich" – er best??tigt im Grunde nur soweit die Fakten, wiees die Spatzen schon seit l??ngerem von den D??chern pfeifen. Und selbst indieser PK hat er uns und die Zuh??rer weiter "verarscht" (f??r diesen Kraftausdruckentschuldige ich mich, ist eher nicht meine Art und im Schriftlichen auch eherunpassend, aber mir f??llt kein anderer pr??ziser Begriff ein)Auf die Frage nach seinem neuen Arbeitgeber kam dann:"es gibt Tendenzen" und noch schlimmer war die Aussage Horst Heldt hatmich ??ber das Interesse des fcb informiert ?! Ehrlich hat er ?Uli H. hat sich nicht gemeldet Herr Neuer ? Sie haben dieses Interesse erst durch Horst Heldt vernommen ?Meine G??te ich wundere mich das an dieser Stelle keiner in der PK lauthalsaufgelacht hat! Da war selbst George Bush offener und ehrlicher.An dieser Stelle muss ich noch mal an unseren letzten ??bungsleiter erinnern,der war wirklich ehrlich und hat deutlich gesagt das er kein Fan des FCSchalke sein kann – eine Aussage die ihm viele ??bel genommen haben.Wir alle und viele Medien tun dieses Verhalten als profihaft ab und damitwerden heute viele Handlungen die mindestens ??bel riechen im Nachhineinauch ein St??ck weit legitimiert. Warum eigentlich ?Was ist an L??gen oder Wahrheiten bewu??t verz??gern gut zu hei??en ?Kann man wirklich nur dann ein Profi sein, wenn man zweifelhaftesVerhalten zu Tage legt ? Schade um diese Zeiten !Sind wir doch mal ehrlich zu uns und du auch zu dir:Herr Neuer hat abgewogen, da waren seine fr??here Heimat Schalke undGelsenkirchen, seine Fans, seine Nordkurve und die standen anderenArgumenten gegen??ber – welche das ??berla??e ich euch.Das Ergebnis war eindeutig, die Heimat Schalke, Gelsenkirchen, seine Fans, seine Nordkurve sind am Ende nur Zweiter geworden und waren nicht mehrso wichtig wie die scheinbar besseren Argumente der Bayernseite.Das sind erstmal Fakten !Und wenn man einseitig verlassen wird, dann darf man auch entt??uscht sein,das ist bei allen finalen Beziehungsgeschichten so.Das hei??t f??r mich auch ganz klar, das Fans (vielleicht nicht viele) ihrerEntt??uschung Ausdruck verleihen d??rfen, der eine Teil ist peinlich ber??hrtund schweigt entt??uscht (dazu z??hle ich mich), andere werden vielleicht etwasextrovertierter reagieren. Das muss man nicht guthei??en keine Frage, aberes muss auch akzeptiert werden. Noch mal man hat sich ja nicht auseinander-gelebt, sondern diese Beziehung wurde einseitig gek??ndigt.Emotionen sind immer beides, schlechte und gute. Das geh??rt zusammen wieKain und Abel, Feuer und Wasser. Es kann nicht nur das eine geben.F??r mich ist Herr Neuer ein ganz normaler Bundesliga Fu??baller geworden,er ist mir gleichg??ltig, wenn er am Samstag einl??uft werde ich mich vielleichtmit meinem Sitznachbar unterhalten, ein Bier holen oder eines wegbringen -mehr nicht. Was ich aber ganz sicher nicht m??chte ist, das ein 33j Fu??ballprofi am Endeseiner Karriere pl??tzlich sein k??nigsblaues Herz entdeckt, um noch einensch??nen Rentenvertrag auf Schalke abzuziehen. Ich bin da kleinlich ich wei??,aber dieses "Profiverhalten" (siehe oben) hei??t auch konsequent sein.Noch mal ich bin nicht f??r w??ste Beschimpfungen, aber Schweigen kanndeutlich mehr ausdr??cken. Er m??chte bitte seinen Job profihaft bei unsbeenden, aber dann soll es auch gut gewesen sein.

  2. Manfred 21. April 2011 um 20:04 #

    Ich hatte nie vor, hier was zu schreiben, weil ich bisher fand, da?? jeder Beitrag f??r sich so stehen bleiben konnte. Das hat sich bez??glich dieses Beitrags auch nicht ge??ndert, aber zu Christian m??chte ich was sagen: wie alt bist du? 10?Manu hat in diesem Interview – http://www.weltfussball.de/news/bundesliga/_m60726_neuer-ich-will-den-naechsten-grossen-schritt-machen/ – einen sch??nen Satz gesagt: ‚Als 10-J??hriger in der Kurve h??tte ich die Entscheidung auch nicht verstanden.’QED oder was?So viel dummes Zeug in einem Rutsch wie in deinem Kommentar habe ich zu dem Thema noch nicht lesen d??rfen und ich habe viel gelesen. Herr Neuer? Weia… Ich glaub, es ist nur Neid.

  3. Christian 21. April 2011 um 20:15 #

    Danke f??r diese freundlichen Worte.Manch einer f??hlt sich halt gerne ??lter.Nun ich habe niemanden beschimpft, sondern nur eine andere Sichtder Dinge dargestellt, man muss sie nicht akzeptieren und kann sichereine abweichende Meinung haben. Sicherlich wenn man etwas einfachergestrickt ist kann man andere Meinungen auch als infantil oderkindisch abtun. Das erspart einen ja die Auseinandersetzung und ist soeasy wie das Totschlagargument: NeidLieber Manfred, wenn ich ihren intellektuellen Beitrag mit meineneinfachen Worten vergleiche f??hle ich mich eigentlich noch ganz gut.Ihnen einen sch??nen Abend und viele Eier 🙂

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