Zeit für Euphorie: Menschliche Faktoren für den Erfolg

23 Sep

Es wird besprochen wie ein Wunder, dass Schalke mit fast derselben Mannschaft der schwachen Vorsaison nun einen starken Saisonstart hingelegt hat: 5 Spiele, 3 Siege, nur eine Niederlage – und die gegen Bayern. Der Punkteschnitt (10) bei genau 2: Damit landet man am Ende (68) stets im internationalen Wettbewerb. Aber was ist eigentlich anders? Es sind menschliche Faktoren.

Faktor 1: Vielleicht der entscheidende – der Chef-Trainer: Was hat David Wagner getan, um diesen Wandel herbeizuführen? Er hat mit einzelnen Spielern und mit dem Kader intensiv arbeiten lassen und bei Gesprächen offenbar die richtigen Worte gefunden – siehe Amine Harit.

Faktor 2: Eingespieltheit: Wagner lässt wenig rotieren, sondern setzt bisher auf ein gutes Dutzend Spieler, die zum Einsatz kommen. Die Startformation ändert sich von Spiel zu Spiel nur marginal. Das könnte demnächst zu einem Problem reifen, wenn Reservisten oder Spieler, die nicht einmal zum Kader gehören, unzufrieden werden. Aber bis dahin wird sicher auch die eine oder andere Verletzung für zwingende Wechsel sorgen.

Faktor 3: Apropos Verletzung: Dachte man zum Trainingsbeginn mit dem direkten K.o. von Kabak, dem Ausfall von Sané und McKennie durch Länderspiele, den Trainingsrückstand von Schöpf, die Verletzung von Uth… schon wieder an das schlimmste Schalke-Pech, hat sich diese Befürchtung aufgelöst. Im Gegenteil: Es ist kaum Platz für alle im Team, Verletzungen machen uns zurzeit kaum etwas aus.

Faktor 3: Beispiel Innenverteidigung: Wagner ist begeistert und überrascht von Benji Stambouli auf der Position. Der sei überragend aufgetreten gegen Hertha BSC und Paderborn, meinte er, das hätte er von ihm nicht erwartet. Zusammen mit Nastasic oder Sané ist so gar kein Platz für Ozan Kabak. Vier Personen, zwei Stellen. Er muss sich erst ins Team kämpfen, das wiederum wohl nur dann gewechselt wird, wenn der Erfolg ausbleibt oder Verletzungen dazu kommen. Ein anderes Beispiel dafür ist Ahmed Kutucu: Den würden alle gern früher sehen, aber Burgi, der zwar nicht trifft, arbeitet Wagners Auffassung nach perfekt mit – und spielt bisher immer von Anfang an.

Faktor 4: Spieler besser machen: Tja, das ist wohl der zentrale Erfolgsfaktor. Amine Harit ist das leuchtende Beispiel. Aber er ist es nicht allein: Omar Mascarell blüht in seiner Abräumerposition auf, auch wenn er eher Drecksarbeit leistet und darum nicht so sehr schillert. Oder Suat Serdar, der derzeit mit Kampfschwein Weston McKennie ein starkes Tandem im zentralen Mittelfeld bildet. Er arbeitet, ist technisch sehr beschlagen und hat gegen Mainz sogar für uns getroffen – nach wunderbarer Vorlage von Harit… Durch diese Form unserer Mittelfeld-Besetzung sieht man heute viel mehr gelungene Ballbesitzstaffetten als letzte Saison – obwohl die Namen dieselben sind. Schnell vorgetragene Angriffe sind endlich wieder Teil unseres Spiels.

Faktor 5: Der Spaß: Wenn es läuft, dann kommt der Spaß. Und Freude befeuert den Teamgeist. Den sieht man den einzelnen Akteuren an: Sie strahlen Spielfreude aus und haben Bock auf den Ball und dieses Mannschafts-Spiel namens Fußball.

Faktor 6: Die Neuen funktionieren: Zumindest bei einem Spieler, Jonjoe Kenny, kann man das unzweifelhaft behaupten. Bei den anderen gehen wir mal davon aus, dass das nach etwas Eingewöhnung dann auch noch kommt. Nicht wahr, Benito? 🙂

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Wie ein Befreiuungsschlag… sah das nicht aus

31 Mrz

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Wunderdinge zu erwarten, das war ohnehin vermessen. Aber ein bisschen mehr Befreiuungschlag hätte der 1:0-Auswärtssieg bei Hannover 96 vielleicht schon doch sein können. Die Mannschaft und ihr Spiel machen keinen Mut, sondern Sorge.

Was bringt uns dieser Auswärtssieg bei Hannover? Keine Frage: Er bringt uns drei Punkte und das gute Gefühl, dass wir doch noch gewinnen können. Er bringt uns den ersten Sieg nach zwei Spielen Stevens/Büskens/Asamoah in der Profimannschaft. Er bringt uns ein dickes Polster vor eben Hannover 96 und dem 1. FC Nürnberg – ein Polster, das so dick ist, dass nichts mehr passieren kann im Hinblick auf ein mögliches Abstürzen auf die beiden direkten Abstiegsplätze. Da lege ich mich hier und heute fest. Und man mag gar nicht daran denken, was gewesen wäre, wenn wir dieses Gastspiel gegen diese limitierte Mannschaft mit dem limitierten neuen Trainer nicht gewonnen hätten. Puh!

Aber dennoch bleibt unterm Strich eine Partie hängen, in der diese Mannschaft, die sonst nun wirklich gar nichts auf die Kette bekommt, das bessere Team war. Hannover hat Schalke 04 ganz schön ins Schwitzen gebracht, Schalke 04 Hannover 96 aber kaum. Die besseren Angriffszüge (bis auf den einen), die besseren Chancen, die größeren Spielanteile hatte Hannover. Das macht mir schon wieder Sorge.

Doch daran arbeiten wir ja gerade. Daran, dass die Mannschaft wieder zu sich findet. Zu ihrem wahren Leistungsvermögen. Das dauert sicher noch einige Zeit, aber wir haben immerhin einen Schritt in diese Richtung gesehen, wenn man auf das nackte Ergebnis schaut. Teile der Mannschaft jubelten, als der Schlusspfiff ertönte. Man sah den Spielern förmlich die Erleichterung an. Der Druck ist groß. Er bleibt groß.

Der blau-weiße Mob in Hannover war beeindruckend. 10.000 Königsblaue in der Landeshauptstadt Niedersachsens – das ist schon eine starke Kulisse, vor allem angesichts des zuletzt Dargebotenen. Aber man muss dazu sagen: Die meisten Fans planen ihre Anreise Monate vorher, also zu einem Zeitpunkt, als noch nicht klar war, in welcher Situation wir uns befinden und mit welchem Fußball wir uns zufrieden geben müssten. Dennoch zeigten sie, dass Schalker als tausend Freunde zusammen stehen, wenn es notwendig ist. Ein gutes Gefühl. Ärgerlich ist aber, dass man sich nach dem Spiel viel zu sehr in Verachtung des Gegners übte als in einer Feier des eigenen Erfolgs, des eigenen geliebten Clubs. Ist es erhabener, den Gegner, der eh schon am Boden liegt, noch zu verhöhnen? Minutenlanges „Hannover fail(s)“ oder „Hannover fällt“, je nach Englisch-Kenntnissen des jeweils Mitsingenden: 96 sollte uns doch schnurzegal sein. Mit der großartigen Melodie kenne ich weitaus bessere Texte… Es geht nur um Schalke 04 (und vielleicht so gerade noch den FCN). Chance vertan. Schade!

Und schon wieder vermöbelt: ManCity fertigt Schalke ab

13 Mrz

Und wenn du denkst, dass es nach einem 0:3 in Mainz, einem 0:4 gegen Düsseldorf und einem 2:4 in Bremen nicht mehr schlimmer kommen kann…

… dann fährst du am besten nach Manchester und lässt dich dort von einem Jungen aus der Knappenschmiede und seinen zehn neuen Kumpels mit 0:7 aus dem City of Manchester Stadium, also called Etihad Stadium, prügeln. Schalke 04 ist nach 18 Gegentoren in vier Spielen nur noch eine Karikatur seiner selbst. Und jetzt kommt der Rasenballsport-Verein aus Leipzig. Man darf gespannt sein, wie oft wir da den Ball aus dem eigenen Netz fischen werden.

Es ist ein Abend zum Vergessen in Manchester, dieser Fußballstadt, die nach meinem flüchtigen Eindruck einer riesigen Baustelle an allen Ecken und Enden gleicht. Und hätte man gewusst, dass der Spaß am Nachmittag am Piccadilly-Treffpunkt in der City mit Schlammschlacht-Fußball dreier Bekloppter auf der Matschwiese neben dem großen Springbrunnen schon der größte Spaß des Tages würde… dann hätte man diese Reise getrost sein lassen können.

Dort am Brunnen trafen sich die knapp 3000 Schalker. Und ehe der Marsch zum Pitch sich gegen 17.15 Uhr in Bewegung setzte, gab es noch eine spannende Show: Rund um die mittelgroße Rasenfläche versammelte sich der in dunkelblaue Bomberjacken gekleidete Mob und sah zwei Einheimischen und einem jungen Schalker beim Schlammkicken zu. „Wir wollen euch kämpfen seh’n!“ und „Steh auf, du Sau!“ waren die begleitenden Gesänge dazu. Dann ging es zu Fuß etwa 50 Minuten zunächst durch eine enge Gasse, in der die akustische Machtdemonstration des Auswärts-Mobs mal wieder ein großer Spaß war, und dann über breite Straßen raus in die Pampa zum Stadion.

Und dann war da diese sonderbare Aufteilung der Fangruppen im COMS: Drei Ränge auf dem South Stand für die Gästefans, rechts und links davon ein paar ganz ordentlich supportende „Cityzens“ – das ist schon sehr speziell. Ebenso die ziemlich einfallslose Fahnenchoreo auf dem South Stand der Heimkurve. Nun…

Und dann das Spiel, bei dem jedes der ersten vier Tore (bzw. der Elfer zum 0:1) per VAR noch mal überprüft wurde. Das nervt! Naja, die Geschichte des Spiels ist anderswo hinreichend erklärt und analysiert. So wird nun abzuwarten sein, ob der Trainer die Mannschaft morgen noch auf das Leipzig-Spiel vorbereiten darf oder nicht. Ich kann es mir kaum vorstellen. Und so sehr ich ihn mag und mir auch Kontinuität wünschen würde: In dieser Situation ist er aus meiner Sicht nicht mehr der richtige. Wie soll er die Mannschaft jetzt noch umdrehen, damit sie nicht weiter Spiel für Spiel baden geht?

Mit schwer hängenden Schultern kam sie nachher noch in die Kurve geschlichen. Ihr schlug nicht mal Wut entgegen, maximal vereinzelt, sondern eher Fassungslosigkeit und Enttäuschung. So vorführen lassen wie an diesem Abend hat sich Schalke 04 gefühlt seit Jahrzehnten nicht mehr. Eine Schmach.

Da bleibt wohl diese kleine Geschichte von vor dem Spiel die einzige schöne Erinnerung an diese Reise: die von Stein schleift Schere um die zweite Eintrittskarte fürs Spiel.

Die rührendste Manchester-Story vor dem Spiel City – Schalke

12 Mrz

Was sich bei Nils, Stefan und Marc-Steffen vor dem Spiel des FC Schalke 04 bei Manchester City abspielte, ist die vielleicht rührendste Schalke-Geschichte zu diesem Auswärtsspiel in England.

Marc-Steffen und Nils waren zusammen aus der Region Heidelberg angereist, und ihr Team zu supporten – aber nur mit einem einzigen Ticket für zwei Personen. Sie wollten an diesem Abend aber unbedingt beide ins Stadion. Darum reisten die beiden Schalker auch zusammen an, so, wie das wahrscheinlich viele andere auch ohne Ticket im Vorfeld getan hatten. Das Problem: an Tickets zu kommen, bezeichneten die beiden antretenden Vereine gegenseitig im Vorfeld als weitgehend aussichtslos. Es hieß, dass Schalke-Fans ohnehin nicht auf die Tribünen außerhalb der Gästeblöcke gelangen würden.

Sie taten es also trotzdem, auch, wenn das Spiel im Vorfeld für Schalke 04 eigentlich als aussichtslos galt. Wie sollte man in dieser sportlichen Krise dem übermächtigen Gegner nach dem 2:3 im Hinspiel hier noch etwas abtrotzen? City gilt als eines der besten Teams der Welt.

Dafür hat Schalke 04 die geilsten Fans der Welt. Nils postete am Vormittag in einer Ticketbörse bei Facebook sein ungewöhnliches Kartengesuch:

„Sind zu zweit in Manchester haben jedoch nur eine Karte. Aus diesem Grund sind wir auf der Suche nach noch einer Karte. Da es unmöglich erscheint wären wir bereit gegen jemand dem es genau so geht um die Karte Schere Stein Papier zu spielen. Der Verlierer verkauft dann seine Karte zum originalpreis an den anderen. 😂“

So der Plan, alles auf eine Karte. Zunächst gab es dazu in der Ticketbörse anerkennende Kommentare, dann wurde das Posting verlinkt und weiter verbreitet. Und zu der Zeit kam es dann schon zum Treffen: Im Crafty Pig, einer Kneipe in der Innenstadt, trafen sich Nils und der zum Duell bereite Stefan, der dasselbe Problem hatte mit nur einer Karte. Schnick-Schnack-schnuck: Stein schlägt Schere.

Nils und Marc-Steffen sind am Abend im Etihad dabei. Und Stefan hat zumindest ein Duell gesehen. Und an einer wunderbaren Fangeschichte mitgeschrieben.

Wohin geht es mit der Fanschaft auf Schalke? Ein Appell

4 Mrz

„Meine Gedanken zur Situation auf Schalke – ohne Gewähr!“ So schrieb mir ein guter Schalke-Kumpel am Tag nach der peinlichen Schlappe gegen Fortuna Düsseldorf in einer längeren Nachricht. „Selten bin ich niedergeschlagener und trauriger aus der Arena gegangen.“

Diese Worte und die Gedanken, die folgten, aufgeschrieben von Andreas Schulz aus Syke bei Bremen, sie sind eine Analyse, aber vor allem ein flammender Appell. Dieser Schalker, Dauerkarteninhaber, Auswärtsfahrer, Trainingslager-Urlauber, vertritt einen Standpunkt, den ich als Illusion bezeichnen würde – aber als eine, die ich als erstrebenswert erachte. Ich bat ihn, dass ich die Nachricht als Gastbeitrag bei mir im Schalkeweb-Blog veröffentlichen dürfe. Als Anstoß. Als Anreiz für andere, den eigenen Standpunkt heute, an Tag zwei nach der bitteren Pleite, mit etwas Abstand und mehr Nüchternheit zu überprüfen und hinterfragen. Andreas sagte das zu. Here we go!


Von Andreas Schulz, Syke

Dieses Spiel und die vielfältigen Reaktionen darauf haben mich stark getroffen. Ganz sicher ist ein 0 zu 4 nicht das Ende der Welt und das Ende der Liebe zu meinem Verein. Aber ich habe mich entschlossen, meine Gedanken aufzuschreiben.

Eine mich zutiefst enttäuschende Leistung auf dem Platz ließ mich erschrecken und mit allerlei Fragen zurück. Auf der 250 km langen Rückfahrt telefonierte ich, diskutierte und war gedankenversunken mit meiner Traurigkeit. Was war da gerade passiert?

Einige Spieler waren mit den einfachsten Dingen überfordert. Der Pass zum freistehenden Mitspieler über 5 bis 10 Meter gelang nur selten. Ballbesitz über 04 Stationen: Mangelware. Torabschlüsse:bis in die 2. Halbzeit kaum vorhanden. Technische Anforderungen wie Ballannahme: eines Profifußballers unwürdig. Die Mannschaft wirkte hoffnungslos, mutlos und ideenlos und hatte, wie man so schön sagt, die Hosen voll!

Angst fressen Seele auf, das kennt man ja auch von sich selbst. Wenn die Angst vor Fehlern eine Lähmung hervorruft. Wenn die Nervosität einen klaren Gedanken nicht zulässt. Wenn der eigene Anspruch nicht erfüllt wird. All das führt dann zu Fehlern, zu Zweifeln und verhindert, dass die Ziele erreicht werden. Der Misserfolg ist vorprogrammiert. Und noch schlimmer, wenn dies in aller Öffentlichkeit, vor den Augen von über 60.000 Menschen sichtbar wird.

Ich war teilweise erschüttert über die Reaktionen auf dem Platz, aber nicht weniger über die Reaktionen neben dem Platz. Ein Torschuss eines Nachwuchstalentes wird mit höhnischem Beifall quittiert. Unflätige, nicht druckreife Beschimpfungen und wüste Gesten. Bierduschen und verbale Ausfälle. All das zeigt das Dilemma. Weder auf noch neben dem Platz gibt es adäquate Lösungsansätze. Wenn die Kurve in solch einer Situation schweigt, ist das nur zu sehr nachvollziehbar. Diese Reaktion erfolgt zu Recht! Aber wie geht es weiter? Wie helfen wir der nervösen, verunsicherten Mannschaft aus diesem Dilemma?

Klar der logische Schritt und die einfachste Lösung: Wir entlassen den Trainer! Er ist schließlich der verantwortliche sportliche Leiter und damit das Problem. Außerdem ist er ja viel zu jung und unerfahren, und außerdem haben wir das ja alle gewusst: ein Laptoptrainer, ohne Profifußballer gewesen zu sein – das kann ja nie was werden. Zu grün für Schalke.

Doch halt: Wie viele Trainerentlassungen haben wir schon hinter uns? Wie oft hat dieser Lösungsansatz tatsächlich etwas bewirkt? Schauen wir uns bei den Vereinen um, wo in dieser Saison so gehandelt wurde. Ist dies nicht oft genug auch bei uns in die Hose gegangen und nur ein Zeichen von (blindem, populistischem) Aktionismus der handelnden Führungsgremien?

Wäre es hier nicht einmal an der Zeit, gegen den Strom zu schwimmen? Noch vor wenigen Wochen wird der Trainer gelobt – er versteht Schalke, er lebt Schalke, er ist der richtige Mann für Schalke – und by the way, hat er nicht im letzten Jahr in der Kurve gestanden? Ist das alles hinfällig, weil einige Spieler nicht ihr Potential zeigen (wollen?) und sich nicht an Absprachen/Spielplan halten? Was passiert eigentlich mit Angestellten in der freien Wirtschaft, wenn sie den Anweisungen der Vorarbeiter/Abteilungsleiter oder der Direktoren nicht folgen und ihr eigenes Ding machen? Richtig sie werden ermahnt, versetzt (Bankplatz/Tribüne) oder aus dem Arbeitsverhältnis entlassen.

Wer jemals eine Gruppe Fußballer trainiert hat, der wird wissen, dass man faule Äpfel von den anderen Äpfeln trennen muss – sonst werden weitere Äpfel faul. Das gilt in der Kreisliga C und genauso in der Bundesliga. Liebe Führungsetage: Erkennt die faulen Äpfel und handelt!

Ich wünsche mir eine positive Reaktion der Fans. Klar, das fällt schwer. Die Unzufriedenheit ist groß, und man möchte am liebsten im Erdboden versinken. Die Mannschaft zu verfluchen, fällt einem viel leichter. Wir sollten jetzt aber Hoffnung und Zuversicht vermitteln, auch wenn uns das im Moment sehr schwer zu fallen scheint und die Lage sehr ernst ist. Denn wo haben Frust, Hass oder Liebesentzug etwas Positives bewirkt? Jetzt ist es an der Zeit, gemeinsam zu handeln und zu helfen. Mit Vertrauen und Respekt, mit Zusammenhalt und Hoffnung – mit positiven Aktionen! Der Mannschaft zeigen: Wir stehen zu Dir – wir sind für Dich da, wenn Du Hilfe brauchst – und jede Hilfe ist nötig. Wir kommen gemeinsam aus der Krise – wir lassen Dich nicht alleine – wir kämpfen für Dich UND erwarten genau das von Dir!

Wir sprechen mit der Mannschaft und dem Trainerteam und erklären unseren Frust – aber ohne Bierdusche, ohne Beschimpfung, sondern mit klaren, fairen Worten und Lösungsansätzen, die wir intern anbringen. Wir machen klar, wofür wir stehen. Wir stellen keine Holzkreuze auf, wir graben keine Löcher auf den Trainingsplatz, wir hängen keine Spielerpuppen an den Galgen. Wir geben alles und fordern alles. Wir treten in einen kritischen, konstruktiven Dialog.

Vielleicht scheint dies dem ein oder anderen zu idealistisch oder zu blauäugig, ja diesem Kritikpunkt stelle ich mich gerne und vielleicht ist dies alles auch nur ein Traum. Aber können denn Träume nicht auch wahr werden? Wenn wir daran nur glauben, dann sicherlich nicht. Aber wenn wir dafür etwas tun, gibt es doch die Chance, dass Träume in Erfüllung gehen.

Und Ralf Fährmann weinte ein wenig

21 Jan

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Dieser Sonntagbend, 20. Januar 2019, könnte für Ralf Fährmann, Bundesliga-Torwart, ein einschneidender Abend gewesen sein. So einschneidend vielleicht wie der 2. Spieltag im Jahr 2006 für Frank Rost, Bundesliga-Torwart, der damals mit gerade 32 Jahren dem jungen Manuel Neuer den Vortritt beim Spiel gegen Alemannia Aachen lassen musste. Mit einem Unterschied: Ralf Fährmann, 30 Jahre jung, Mannschaftskapitän, weinte nach dem Spiel beim Gang in die Nordkurve ein wenig. Das wäre Frank Rost so wahrscheinlich nicht passiert.

Die Geschichte begann mit einer Verletzung von Ralf Fährmann in der Hinserie. Am 20. Oktober zog er sich eine Leistenverletzung zu und fiel dann mehrere Wochen aus. Klar, dass dann die Nummer 2 zum Einsatz kommt. Die Nummer 2, die wie damals Manuel Neuer Stammtorhüter der U 21 –Nationalmannschaft ist: Alexander Nübel, 22 Jahre alt und eines der hoffnungsvollsten Torwart-Talente in Deutschland. Nübel vertrat Ralf Fährmann ansprechend, in den ersten Partien sogar erstaunlich selbstbewusst. Eine erneute Parallele zu Manuel Neuer, der bei seinem ersten Einsatz gegen Alemannia Aachen sogar erst 20 Jahre alt war. Bei Nübels erstem Auftritt daheim gegen Werder Bremen verlor Schalke 0:2. Er zeigte aber eine solide Leistung. Gleiches galt für das 0:0 in Leipzig und das 3:1 daheim gegen Hannover 96. Der „Kicker“ benotete seine Leistung in diesen drei Partien mit 3,5 beziehungsweise 3,0. Zudem bestritt Alex Nübel die beiden Champions-League-Partien gegen Galatasaray Istanbul und zeigte vor allem im Hexenkessel der türkischen Metropole beim 0:0, wie abgebrüht ein junger Mann ohne große Profi-Erfahrung schon sein kann. Das beste Spiel auf Schalke machte er allerdings im DFB-Pokal: Zwar hatte er selbst keinen großen Einfluss darauf, dass Schalke das Elfmeterschießen mit 6:5 gewann, aber in den 120 Minuten davor zeigte er eine sehr starke Leistung.

Sehr starke Leistungen: Genau die zeigte Ralf Fährmann, der nach seiner Verletzung im November zurückkehrte, nicht mehr. In den letzten drei Spielen vor Weihnachten gegen Augsburg, Leverkusen und Stuttgart reichte es beim „Kicker“ nur zu Noten von 4,5 und 5,0. So schlecht, so unsicher, mit so vielen kapitalen Fehlern in mehreren Spielen in Serie hatte man Ralf Fährmann seit Jahren nicht gesehen. Man kannte sie eigentlich gar nicht von unserem Captain.

So entschied in der Winterpause der Trainer zusammen mit dem Torwart-Trainer, Fährmann und Nübel vorerst zu tauschen. Dazu beriet er sich mit Manager Christian Heidel, sogar Huub Stevens soll er eingeweiht und um eine Einschätzung gebeten haben. Eine Entscheidung, deren Tragweite groß ist – so soll sich auch Tedesco gefühlt haben, der ungewöhnlich viel über sein Seelenleben in den vergangenen Tagen verriet. Denn Ralf Fährmann ist eine Identifikationsfigur für die Fans. Der Mann, der in Recklinghausen wohnt, verkörpert die alte Arbeitermentalität des Traditionsclubs wie kaum ein zweiter. Er kommt zwar nicht gebürtig aus dem Ruhrgebiet, verkörpert aber diese Bergmannstradition, wie man es sich für einen Mannschaftskapitän auf Schalke nur wünschen kann. Wissen, wo Schalke herkommt und wie die Fans fühlen: Das ist entscheidend für viele Schalker.

Jetzt verfolgte Ralf Fährmann das auch psychologisch so wichtige 2:1 gegen Wolfsburg von der Bank aus. Es soll zumindest ein intensives Gespräch gegeben haben zwischen ihm und dem Trainer, in dem Fährmann Tedesco vermittelt haben soll, dass er sich ganz in den Dienst der Mannschaft stellt und diese Entscheidung akzeptiert. Nichts anderes hätte man von dem Torwart erwartet. Aber wie schwer dieser Sonntagabend für Ralf Fährmann war, konnte man sehen, als es nach dem Schlusspfiff für alle Spieler in den Kreis und anschließend in die Nordkurve ging. Fährmann, der schon mal auf dem Podest der Ultras gestanden hat, war dabei und wurde nach der La Ola von der Kurve namentlich gefeiert. Als die Mannschaft die Kurve verließ und Richtung Gegengerade aufbrach, sah man, wie Co-Kapitän Benjamin Stambouli Ralf Fährmann in den Arm nahm, weil der offensichtlich – und wie die Kameras in Großaufnahme einfingen – mit Tränen zu kämpfen hatte.

Ist das schon der Generationswechsel im Schalker Tor? Ist Alex Nübel fortan die alleinige und klare Nummer 1 in unserem Kasten? Meine These ist: Nein, noch nicht ganz. Nicht nur, weil der Trainer Domenico Tedesco das so kommuniziert hat. Ich vermute, dass wir bis Saisonende in den drei Wettbewerben, in denen Schalke noch vertreten ist, sowohl Nübel als auch Fährmann sehen werden. Die Entscheidung von Tedesco, Nübel nun zunächst den Vorzug zu geben, hängt mit den Leistungen der beiden Torhüter zum Ende der Hinserie zusammen, aber vermutlich auch mit Psychologie: Der Trainer beginnt damit, die Nachfolge von Ralf Fährmann zu regeln und Alexander Nübel zu zeigen: Bleib auf Schalke, du bist unsere künftige Nummer 1. Das kommt nicht von ungefähr: Nübel sagte im Winter in einem Interview, dass er durchaus mit dem Gedanken spiele, den Verein zu wechseln, wenn er auf Schalke nicht spielen kann. Für einen Torhüter in seinem Alter ist es unabdingbar, regelmäßig im Tor zu stehen, wenn er Karriere machen möchte – keine Frage. Darum ist es auch keine Überraschung, dass er diese Ansprüche nun anmeldet. Ihn jetzt noch länger als Nummer 2 hinzuhalten, hätte gleichzeitig wohl bedeutet, dass wir im Sommer eine neue Nummer 2 gebraucht hätten. Dabei können wir uns eigentlich keinen besseren Torhüter wünschen, als Alex es zu sein oder zumindest zu werden verspricht.

Tedesco handelt mit einem gewissen Risiko, aber aus der jetzigen Perspektive und den geschilderten Argumenten heraus vollkommen richtig. Für Ralf Fährmann tut es einem aufrichtig leid, aber auf Alexander Nübel können wir uns freuen. Das bewies er gegen Wolfsburg gleich mit zwei herausragenden Reflexen und seiner Fähigkeit, das Spiel von hinten heraus schnell zu machen, Konter einzuleiten. Eine Fähigkeit, die Manuel Neuer als erster Torhüter der Welt auf diesem Niveau zeigte, nachdem er den etablierten Frank Rost, wie Fährmann ein Meinungsführer in der Mannschaft, abgelöst hatte. Eine Fähigkeit, die Ralf Fährmann nicht besitzt.

Nun kommt es aufs Spielglück für Nübel, aber auch auf den wahren Charakter von Ralf Fährmann an. Eigentlich ist ihm und uns zu wünschen, dass er ein oder zwei Jahre lang an der Seite von Alex Nübel bleibt und ihn auf seinem Weg in die Profispitze mit seiner ganzen Erfahrung unterstützt. Dann sollte er sich einen neuen Verein suchen, in dem er im Herbst seiner Karriere noch einmal die Nummer 1 werden kann. Und danach sollte man ihm die Tür auf Schalke ganz weit öffnen, damit er im Verein an entscheidender Stelle mitarbeitet. Anders als Frank Rost. Vielleicht ja als Torwarttrainer.

Lieber Domenico, …

22 Dez

… ich bin sehr erleichtert ob der drei Punkte, die du mit deiner Mannschaft in Stuttgart geholt hast. Ich kann mir vorstellen, dass ihr alle so mit einem doch nicht ganz so miesen Gefühl in die Winterpause geht und wir alle vielleicht davon Ende Januar profitieren, weil es etwas befreiter und beschwingender aufs Feld zurück geht. Und doch möchte ich dir ein paar Dinge mit auf den Weg geben.

Du bist jetzt anderthalb Jahre auf Schalke und hast glaube ich nun einmal so ziemlich alle Gesichter dieses Clubs und seines Umfelds kennengelernt. Du hast unsere Herzen mit deiner Freundlichkeit und deinem Charme, deinem jugendlichen Eifer und deiner offensichtlichen Fachkompetenz in Sachen Fußball schnell erobert. Du grüßtest in der Öffentlichkeit stets mit einem „Glückauf“ (gute Auer Schule…), du sprachst verbindlich im Ton, ruhig in der Stimme, gewählt in den Worten.

Dann kam der erste kleine Eklat mit Benedikt Höwedes, bei dem du die feiste Art der Presse kennenlerntest: „Reisende soll man nicht aufhalten“ habe der Herr Tedesco gesagt, hieß es, und man ließ mindestens durchscheinen, dass das ehrabschneidend gewesen sei. Nimmt man diesen Satz so isoliert, dann mag das so sein – der Zusammenhang, in dem du das gesagt hattest, spielte aber schnell keine Rolle mehr. Lehre.

Dann kam das Derby. 0:4 zur Pause zurückzuliegen, in einem Revierderby, ist eine Katastrophe. Ich weiß noch, dass der Gästeblock sich nach 35 Spielminuten rapide leerte auf der Nordtribüne des Signal-Iduna-Parks. Dass kaum noch jemand daran glaubte, dass das Spiel noch kippen könnte. Wie auch? Du hast genial reagiert: „Wir gehen da raus, als wenn es 0:0 stehen würde, und gewinnen die zweite Halbzeit.“ So wurde es nachher zitiert. Ein einfaches Prinzip – einfach clever. Dass es zum 4:4 führen würde, war damit nicht garantiert. Aber du hast es möglich gemacht.

Und dann kam die Vizemeisterschaft, so irgendwie. Wie, weiß keiner so genau. Eine felsenfeste Abwehr, ein genialer Kopf der Hintermannschaft mit Torgefahr, kaum Verletzungen, ein Lauf, es ging fast jede Grenzentscheidung zu unseren Gunsten aus. Und die knappen Spiele haben wir gewonnen statt wie sonst so oft mit Pech verloren. Du trugst dazu bei, indem du einen Charakter-Spieler wie Max Meyer umschultest zu jemandem, für den ihn niemals jemand gehalten hatte; du machtest einen Daniel Caliguiri so stark, so effektiv, wie ihn niemals jemand erwartet hätte. Du hattest Erfolg, ohne dabei die Mannschaft glänzen zu lassen.

Und dann?

Dann kam die neue Saison und alles wurde anders. Mit fünf Niederlagen zu starten – diese Hypothek kannten wir schon aus der Weinzierl-Saison. Du musst jetzt erst lernen, was das konkret bedeutet. Vor allem aber lernst du gerade, wie schnell das in der 1. Liga, insbesondere aber auf Schalke geht mit der Diskussion über den Trainer. Es braucht ein paar miese Wochen, schon rufen die ersten nach der Entlassung. Und diese kleinen Feuerchen entfachen mit jeder Niederlage weitere Flämmchen, die sich schnell zu einem Flächenbrand auswachsen können. Willkommen in Gelsenkirchen. Und hier lernst du wieder den Journalisten-Kosmos rund um Schalke 04 kennen: Ist es rund um diesen Club ruhig, ist das ein Fehler im System, den es zu knacken gilt. Ich werfe keinem Journalisten vor, Geschichten zu suchen und zu veröffentlichen – aber bei der Wahrheit sollte man schon bleiben und nicht jede Mücke gleich zu einem Elefanten hochsterilisieren. (Bin ein bisschen stolz auf diese Metapher plus Falsch-Phrase in einem.)

Erreicht er die Mannschaft nicht mehr? Hat er seinen Wunschspieler Sebastian Rudy falsch eingeschätzt? Hat er ein Problem mit den französisch-sprachigen Jungs im Kader? Kann er keinen Offensivfußball lehren? Gab es die kolportierte Initiative der Mannschaft wirklich, nach den ersten zwei oder drei Spieltagen, in denen du offensiver und ballbesitzorientierter spielen lassen wolltest, die dich zurückrudern ließ? Die Bitte: Trainer, lass uns wieder so spielen wie letzte Saison!

Lieber Domenico, wir Fans wollen leidenschaftlichen Fußball sehen. Fußball mit dem Ball am Fuß unserer Jungs, nicht nur Gegenfußball. Wir wollen zudem Entscheidungen verstehen. Und deine Sprache. Dann sind sicher auch mehr Anhänger wieder bereit, dir zu folgen. Die Stimmung hat sich gedreht: Dein Chef Christian und du, ihr seid lange nicht mehr unumstritten. Auch, weil der dargebotene Fußball oft Grütze ist, selbst in der Vizemeister-Saison.

Viele verstehen nicht, warum Naldo, der Held der Vorsaison und ein großartiger Charakter, nicht spielt, obwohl es offensichtlich nicht läuft. Warum ein Kono, der zeitweise einzige verbliebene gelernte Angreifer, auf der Bank sitzt und dafür Weston McKennie und Hamza Mendyl stürmen – bezeichnend: mit den Rückennummern 2 und 3. Dass Meyer als Sechser spielte, hat auch alle verwundert, aber es fruchtete – das ist der entscheidende Unterschied. Viele verwundert die starke Rotation von Spiel zu Spiel. Klar, es liegt an der Doppelbelastung, die auch für dich als Trainer eine neue Erfahrung ist. Aber ist es nicht einen Versuch wert, mal nicht so groß zu rotieren? Dreimal in Serie die gleiche Mannschaft aufstellen? Man darf nicht vergessen, dass sich auch immer Leute verletzen, aber: Vielleicht können sich so mehr Automatismen einstellen.

Die vergangene Saison war ein dankbarer Einstieg, so ohne Verpflichtungen in Europa: Man darf den Vorteil-Faktor nicht unterschätzen, sich eine Woche lang auf einen Gegner vorbereiten zu können, während die Konkurrenz donnerstags noch im Flieger sitzt. Das ist bisher nicht möglich gewesen. Ab März ist es vielleicht wieder möglich. Dann sind einige der verletzten Spieler wieder fit. Dann wird es aufwärts gehen.

Lieber Domenico, du hast das ganze Schalke kennengelernt. Du wirst vielleicht aber auch ein neues Gesicht kennenlernen, mit prägen: das des geduldigen Schalkes. Wann haben wir endlich den Mut, ein Projekt mal zu Ende zu bringen? Ich würde dir liebend gern noch Zeit geben, auch wenn ich zugeben muss, dass auch ich Zweifel habe, ob wir mit dir weiter machen können. Ich lasse mich aber nicht beirren: Dich rauszuwerfen und mit dir vielleicht auch noch Christian Heidel, wäre der nächste kapitale Fehler in unserer Vereinsgeschichte. Du musst noch dazulernen. Das musst du dir eingestehen. Und dann hoffe ich inständig, dass mein Herzensclub dich bleiben lässt.

Glückauf und schöne Weihnachten!